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Hinter grauen Mauern Von Clemens Caspary | © DIE ZEIT, 15/1998 Dresden

Die Farbe der DDR war Grau, wenn Grau überhaupt eine Farbe ist und nicht eher ein Zustand, noch dazu ein unerfreulicher. Grau waren die Uniformen der Grenzwächter, die wenige hinein und fast niemanden herausließen. Grau waren die Fassaden der Städte, das Wasser der Flüsse und der Himmel über Bitterfeld. Und grau waren auch die Mauern, hinter denen sich die Herrschenden und ihre Handlanger verschanzten, weil ihnen alles Bunte suspekt war.

 

 Denn Buntheit ist Vielfalt, und Vielfalt war nicht vorgesehen in der DDR. Von diesen Mauern gab es nicht wenige im Land. In Dresden, an der Bautzner Straße, etwa auf halbem Wege vom Stadtzentrum zum Villenvorort Weißer Hirsch, hatte sich die Stasi hinter einem solchen Bauwerk eingerichtet. Nicht sehr hoch war die Mauer, die den weitläufigen Komplex an der Elbe umgab, aber hoch genug, um Blicke von außen abzuwehren - und mit stets wachen Kamera-Augen bestückt. Erst im Wendejahr 1989, als dem Volk die graue Tristesse zu bunt geworden war, bekam der Wall ein bißchen Farbe ab. "Stasi in die LPG" steht da noch in blassem Gelb oder "Psychotherapie für Stasibeamte". Die Schmähungen, mit denen die erwachten Bürger ihre Schergen bedachten, wirken heute sehr zurückhaltend, fast unangemessen harmlos für eine Revolution. Aber damals waren sie wohl das Äußerste, was man dem einst allmächtigen, allgegenwärtigen Ministerium für Staatssicherheit meinte entgegenschleudern zu können. Im Wortlaut der Graffiti scheint manchmal sogar Mitleid mitzuschwingen mit den selbst recht grauen Gestalten hinter der Mauer, die sich am 5. Dezember 1989 dem Protest Zehntausender Bürger vor ihren Toren beugten und das Feld räumten. Was jahrzehntelang hinter der Mauer vorging, konnten die Dresdner nur ahnen.

 

 Jedenfalls nichts Gutes, das wußten auch die Mitglieder einer Abordnung von Bürgerrechtlern, die die Zwingburg am Tag der friedlichen Erstürmung Raum für Raum in Besitz nahmen. Ihnen öffnete sich schließlich ein turmähnlicher, fast quadratischer Bau, der von außen - selbst von ferne - kaum zu sehen gewesen war: die Untersuchungshaftanstalt der Dresdner MfS-Bezirksverwaltung, ein veritables Gefängnis im geheimen. Daß mitten in ihrer Stadt bis zu 150 Menschen für längere Zeit beinahe spurlos verschwinden konnten, das war für viele Dresdner eine bedrückende Erkenntnis. Der in den sechziger Jahren entstandene Bau gliedert sich in drei Teile: Der westliche Teil grenzt unmittelbar an einen schon früher errichteten Saalbau und beherbergte die Diensträume der MfS-Mitarbeiter, Vernehmungsräume und eine Arztstation. Östlich schließt sich der Zellentrakt an mit Lichthof, offenen Umgängen und sechzig winzigen Zellen auf vier Stockwerken, "ganz in der Tradition der Gefängnisbauten des 19. Jahrhunderts" geplant und gebaut, wie der sächsische Landeskonservator Gerhard Glaser in einer Bestandsaufnahme konstatiert. Völlige Isolation war das Merkmal der Stasi-Haft.

Eine "beträchtliche emotionale Wirkung" bescheinigte Glaser dem Bau, der 1994 unter Denkmalschutz gestellt wurde. Dies vor allem, weil der gesamte innere Ausbau "einschließlich der Ausstattung bis hin zu haustechnischen Details" erhalten geblieben sei. "Mir ist kein Beispiel bekannt, das diese besondere Situation in der DDR so emotional zu vermitteln vermag."

Die "Politdevotionalien" der Stasi-Bewacher, die die Denkmalschützer noch vorgefunden hatten, sind freilich längst in den Händen von Andenkenjägern gelandet. Auch der bauliche Zustand des Komplexes hat in den vergangenen drei Jahren stark gelitten, so stark, daß Siegmar Faust, der Sächsische Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, jetzt einen Verein gegründet hat mit dem Ziel, das Gefängnis als Ort lebendiger Geschichte der Nachwelt zu erhalten. Ihm gehören gleich vier Kabinettsmitglieder der Staatsregierung an, darunter Justizminister Steffen Heitmann und Umweltminister Arnold Vaatz, der als führender Kopf des Neuen Forums an der Besetzungsaktion selbst teilgenommen hatte. Die Suche nach Sponsoren ist das Hauptanliegen des Vereins mit dem programmatischen Namen "Erkenntnis durch Erinnerung".

Zunächst müsse der fortschreitende Verfall des Gebäudes aufgehalten werden, sagt Faust. Einige der leergeräumten Zellen wolle man wieder in ihren alten Zustand versetzen. Neben dieser "Dokumention des Authentischen" will Faust in einer Galerie "Reflexionen zeitgenössischer Künstler auf die Stasi" zeigen.

Und er will auch einen Platz finden für sein Lieblingsprojekt: eine Videodokumentation der Erinnerungen von Stasi-Opfern. Niemand anders als die Betroffenen selbst könnten den Nachgeborenen einen Eindruck von dem Unrecht geben, das ihnen widerfahren sei, meint Faust. "Damit kann die Nostalgie bei den Leuten aufgelöst werden, die der DDR nachjammern, wenn ihnen die Alternative zur Demokratie vor Augen geführt wird."

Schon heute nutzen viele Schulen das Angebot, direkt an Ort und Stelle etwas vom Alltag des Überwachungsstaates zu erfahren. Mehr als 4000 Schüler wurden schon durch das alte Stasi-Gemäuer geführt. Dabei versuchen die Mitarbeiter des Landesbeauftragten den Jugendlichen vor Augen zu führen, daß die Stasi-Haft kein schaurig-pittoreskes Alcatraz war, sondern ein Ort der Unmenschlichkeit. Zum Zeitvertreib einen Kanarienvogel zu halten wie "Der Gefangene von Alcatraz" in dem populären Hollywood-Epos hätte jegliches Maß an Menschlichkeit überstiegen, das die Stasi-Leute ihren Gefangenen angedeihen ließen.

Völlige Isolation war das besondere Merkmal der Stasi-Haft im Vergleich zum regulären Strafvollzug in der DDR. Faust, der 1974 selbst ein halbes Jahr in der Bautzner Straße 141 einsaß, sagt: "Das war psychische Folter, der Ton, der hier herrschte." Mehr als ein paar hingeworfene Wortbrocken habe er von seinen Bewachern nicht gehört. "Das war so demütigend, daß man wund wurde innerlich." Das Schlimmste aber seien die ständige Überwachung und die Einsamkeit gewesen, sagt Faust. Der Mensch sollte alle Individualität verlieren. "Wenn dann mal einer normal mit einem gesprochen hat, sind einem die Tränen gekommen."

Über die Folgen der "Deprivation", des Entzugs jeglicher Reize, hatten eifrige Tschekisten an den Stasi-Hochschulen wissenschaftliche Abhandlungen verfaßt. "Zur Herbeiführung der Aussagebereitschaft von Beschuldigten durch Untersuchungsführer des MfS" hießen diese "Dissertationen" oder "Die weitere Vervollkommnung der Vernehmungstaktik bei der Vernehmung von Beschuldigten und bei Verdächtigenbefragungen in der Untersuchungsarbeit des MfS". Daß die geheimdienstlichen Verhörmethoden mit grausamer Unerbittlichkeit zum Ziel führten, kann fast jeder ehemalige Stasi-Häftling bestätigen. "Man sehnte sich nach den Vernehmungen, weil man da reden konnte", sagt Henry Krause, ein Mitarbeiter des Landesbeauftragten, der wegen eines Fluchtversuchs im Leipziger MfS-Gefängnis festgehalten wurde. Irgendwann habe man begonnen, seine Feinde zu lieben. "Und er liebte den großen Bruder", heißt es bei George Orwell.

>> zeit online ( eigene Bilder )




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