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Selbstverbrennung

Haftanstalt Cottbus. Wir schreiben den 19. Oktober 1978. Nachmittags haben die Häftlinge Freistunde und werden in den Pausenhof geführt. Unter ihnen ist ein 26-jähriger Mann aus Riesa, der wegen mehrfachen erfolglosen Fluchtversuchen eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und acht Monaten verbüßt. In der Haft hatte er mehrfach versucht durch Drohgebärden seine Abschiebung in die Bundesrepublik zu erwirken. Weil er sich den Belastungen der Haft nicht mehr gewachsen sah, hatte er schon ernsthaft überlegt, seinen Ausreiseantrag zurückzuziehen - um wenigstens in die DDR freizukommen.

Um auf seine verzweifelte Lage aufmerksam zu machen, vielleicht sogar mit dem Entschluss Selbstmord zu begehen, begab er sich nun in eine Ecke des Pausenhofes. Unbemerkt hatte er einen halben Liter brennbaren Farbverdünner an sich nehmen können, den er jetzt über sich ergoss und anzündete. Bevor er unter den Flammen zusammenbrach, schrie er noch "Freiheit" und rief nach seiner Mutter. Mitgefangene stürzten sich auf ihn, konnten aber nicht verhindern, dass er Hautverbrennungen 1.-3. Grades auf etwa 40% seiner Körperfläche erlitt.

Aufgrund der
politischen Dimension des Vorfalls setzte der Staatssicherheitsdienst in der Folge alles daran den Vorfall zu vertuschen. So wurden die Aufseher instruiert, von der Tat eines Geistesgestörten zu sprechen. Alle Briefe an Familienangehörige wurden besonders intensiv kontrolliert sowie die Besuchsstunden durch Aufseher einzeln überwacht, damit die Inhaftierten, die Augenzeugen des Vorfalls gewesen waren, keinerlei Informationen weitergeben konnten. Die Mutter des Ausreisewilligen wurde durch einen Offizier der Strafvollzugsanstalt über den, wie man ihr sagte, "Unfall" ihres Sohnes unterrichtet. Haftentlassungen, besonders die vorzeitige Abschiebung freigekaufter Häftlinge in den Westen, wurden teilweise für mehrere Monate ausgesetzt. Allerdings ließen sie sich aufgrund des regulären Endes einiger Freiheitsstrafen nicht gänzlich verhindern. So erschienen im Januar 1979, also zweieinhalb Monate nach dem Vorfall, in mehreren westdeutschen Zeitungen erstmals Meldungen, dass im Zuchthaus Cottbus ein Ausreisewilliger einen Suizidversuch unternommen habe. Was zunächst nicht bekannt wurde war, dass der Häftling schon am 9. November 1978 im Bezirkskrankenhaus Cottbus seinen Verletzungen erlegen war.

Auch die folgende Beisetzung
geschah ganz im Verborgenen - dafür sorgte die Staatssicherheit. Die Transportpolizei erhielt die Anweisung, schon auf dem Bahnhof Riesa in der DDR akkreditierte Journalisten oder sonstige Neugierige abzufangen. Im örtlichen Volkspolizeikreisamt standen außerdem fünfzehn Mitarbeiter des politischen Zweiges des Kriminalpolizei, der so genannten K l, zum Eingreifen bereit. Die weiteren Bemühungen des Staatssicherheitsdienstes, den Vorfall zu vertuschen, lesen sich im technokratischen Stasi-Jargon wie folgt: "Durch FStW[Funkstreifenwagen]-Besatzungen des VPKA Riesa wurden die Hauptzufahrtsstraßen nach Riesa [...] überwacht, um eine unkontrollierte Bewegung von ausländischen Journalisten zu verhindern. [...] Über den Direktor des VEB Stadtwirtschaft Riesa wurden entsprechende Maßnahmen zum reibungslosen Ablauf der Trauerfeierlichkeiten getroffen. Der Sarg wurde nach seiner Überführung aus Cottbus am 13.11.1978 bis zur Beisetzung in einer verschließbaren, für fremde Personen unzugänglichen Kühlzelle in der Leichenhalle Strehla aufbewahrt. Die Überführung auf den Friedhof Riesa-Poppitz erfolgte erst unmittelbar vor der Beisetzung und unter Kontrolle einer Kontaktperson der KD Riesa. [...] Auf dem Friedhof kam eine Beobachtergruppe der Abteilung VIII, BV [Bezirksverwaltung für Staatssicherheit] Dresden mit dem Ziel der fotografischen Dokumentation und Feststellung der Trauergäste zum Einsatz. Die vorhandenen 3 Eingänge zum Friedhof wurden durch je 2 Mitarbeiter der KD Riesa und des Kommissariats l des VPKA Riesa abgesichert, die bei einem evtl. Auftauchen von Journalisten als Angehörige der Friedhofsverwaltung im Interesse der Pietät und der Achtung vor dem Toten journalistische Aktivitäten zu verhindern hatten." Das MfS sorgte sogar dafür, dass ein geeigneter Grabredner zum Zuge kam und dass die Schleifen der Kränze vor dem Ablegen überprüft wurden. Das in den Folgetagen: die Wohnung der Mutter des Verstorbenen von Stasi-Leuten observiert, alle Nachbarn sowie sämtliche Verwandten einer Postkontrolle unterworfen und auf die engeren Verwandten des Verstorbenen sogar IM angesetzt wurden, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt..

Auch wenn die Trauerfeier selbst im Verborgenen blieb, so ließ sich doch die Nachricht vom Tod des Ausreisewilligen nicht gänzlich unterdrücken. Im Herbst 1979 wurde die Entlassung bzw. Abschiebung von Inhaftierten in die Bundesrepublik schließlich unumgänglich, weil etliche Strafgefangene mittlerweile ihre reguläre Haftstrafe verbüßt hatten. Sämtliche Mitwisser wurden nun auf einmal in den Westen entlassen, um nicht mehrfach Meldungen und Gerüchte über den Vorfall auszulösen. Auf diese Weise erfuhr die westliche Presse, immerhin mit einjähriger Verzögerung, im Oktober 1979 schließlich doch von der Selbstverbrennung in der Haftanstalt Cottbus.

Was die Staatssicherheit in diesem Fall teils erfolgreich, teils erfolglos versuchte hatte, bezeichnete sie selbst mit dem stark beschönigenden Begriff "Absicherung des Strafvollzug". Damit gemeint war das Bekannt werden der teilweise katastrophalen Zustände in den DDR-Gefängnissen zu verhindern, für Ruhe und Ordnung in den Haftanstalten zu sorgen und Häftlinge wie auch deren Aufseher mit geheimpolizeilichen Methoden zu überwachen. Der Staatssicherheitsdienst nahm dabei eine Art Aufsichtsfunktion über das Gefängniswesen wahr. Dabei ging es Mielkes Mannen freilich nicht um das Schicksal der Inhaftierten, sondern darum, die Reputation des SED-Staates zu wahren, wie der eben geschilderte Fall beweist.

Die politischen Häftlinge im DDR-Strafvollzug wurden zuallererst durch die gewöhnlichen Aufseher des Organ Strafvollzugs bewacht. Sie standen bisweilen aber auch unter der Aufsicht ihrer kriminellen Mitinsassen. Während des Arbeitseinsatzes wurden sie darüber hinaus von den Betriebsangehörigen beaufsichtigt. Zusätzlich wurden sie durch die Kriminalpolizei, namentlich die so genannte Arbeitsrichtung 1/4, kontrolliert, die zu diesem Zweck Spitzel unter den kriminellen Insassen warb. Über alle zusamen - Insassen, Aufseher und Kriminalpolizei - wachte wiederum sicherheitshalber der Mielke-Apparat. Seine so genannte Operativgruppe verfügte in allen genannten Gruppen über Zuträger und fungierte als letzte und wichtigste Kontrollinstanz hinter den Gefängnismauern.

Die Haftanstalten der DDR waren aus Sicht des Staatssicherheitsdienstes ein geradezu idealer Raum zur Anwerbung von Spitzeln. Denn den Häftlingen war klar, dass es weitaus schwerer als außerhalb der Anstaltsmauern möglich sein würde, sich einer Zusammenarbeit zu entziehen. Nicht wenige Insassen waren indes von sich aus bereit, über ihre Mitinsassen zu berichten und traten als Selbstanbieter auf. Der Staatssicherheitsdienst verstand es dabei geschickt, als Gegenleistung für Denunziantentum Hafterleichterungen oder Strafrabatt in Aussicht zu stellen.

>> BSTU

Freiheit, die ich meine

Mein Leben in der "DDR"

von Jürgen-Kurt Wenzel

Jürgen-Kurt Wenzel beschreibt den eintönigen Haftalltag, grausam durchbrochen von Willkürakten, Schikane, Gewalt. Aber er erzählt auch von den Gerüchten, die den Häftlingen Hoffnung machen und von Freundschaften, die überleben helfen.

Die mir schon bekannte grüne Minna steht mit offener Seitentür auf dem Hof. Mehrere Bewacher mit Schulterriemen, Schaftstiefeln, stehen auf dem dunklen Hof, bellende, kurz gehaltene Schäferhunde an der Leine, welche geifernd bedrohlich nahe kommen. Der Blick geht zurück zu den düsteren Gitterfenstern mit den die Blicke abwehrenden Milchglasblenden. Zwei Mann mit vorgehaltener Maschinenpistole drängen zum Einsteigen. Die Tür zum roten Klinkerbau öffnet sich.

Pummel, die Hände kurz geschlossen. Ein rothaariger stämmiger Typ mit Tausenden von sympathischen Sommersprossen im Gesicht und den kräftigen Armen betritt den Hof. Ich will...

"Einsteigen!!"

Ein plötzlicher Hieb mit dem Kolben der MP treibt mich rasend vor Schmerz in eines der vergitterten engen Transportzellen. Ein Schlag oder mehrere. Mein Bein gehorcht mir nicht. Später ist es öfter bis zum Knie taub. Pummel kommt gefesselt in den anderen Käfig. Die Bewacher sitzen mit den Maschinenpistolen in Griffposition auf der Querbank. Der Hund hechelt und knurrt. Die auf den Rücken gefesselten Hände schmerzen bis zu den Schultern. Grinsen der Vopos.

Der LKW setzt sich in Bewegung. In der ersten Kurve fliege ich von der Bank. Ich kann mich nicht festhalten. Das Bein gehorcht immer noch nicht. Wir fahren. Keine Kurven. Ich habe eine stabile Haltung gefunden. Irgendwann wieder Unruhe. Kurven. Halten, fahren. Vertraute Geräusche, ein Tor öffnet sich. Riegel fallen ins. Schloss. Der Gitterkäfig öffnet sich.

"Raus! Raus!!"

Ein enger, düsterer, aber wie immer ähnlich rot verklinkerter Backsteinhof. Gitter. Der letzte Blick. Pummel, mit väterlichem Blick, im Drahtverschlag. "Rein da!"

Der übliche ekelige Gestank nach Bohnerwachs und miefiger Plaste. Keine Gesichter. Eigenartige Drähte in Armhöhe an den Wänden. Reißleinen für die Bewacher bei Bedrohung. Am Ende eine schwere offene Holztür. Das übliche Schloss. Riegel. Neu, eine Klappe in der Tür. Kein Gesicht. Die Stimme aus dem Hintergrund: "Rein da!"

Die Tür fällt krachend zu. Allein.

Wie lange bin ich in dem Loch?

Ein enger Raum. Mit Glasbausteinen trübes Fenster. Oben ein kleiner Schlitz. Ein gekippter Stein für Frischluft oder gegen den Gestank?? Auf der rohen Holzpritsche eine Pferdedecke. Der übliche nach Chlor stinkende Kübel. Ein derber Holzhocker und ein schmaler Tisch. Ölfarbe an den Wänden. Ein kleiner Wandschrank. Wie lange bin ich in dem Loch?

Die Klappe in der Tür fliegt auf. Essen fassen. Gaffen. "Wie viel Brot? Schnell, schnell!" Ein Blechnapf mit Muckefuck, drei Scheiben Graubrot, ein Klecks Margarine, etwas Schmierwurst, usw. Tage, Wochen immer das Gleiche.

Die Tage vergehen zwischen Schwitzen und Frieren. Schlafen nur in Rückenlage, die Hände auf der Pferdedecke. Ewig leuchtet diese verfluchte Lampe hinter dem Maschendraht über der Tür. Schlafen?? Jähes Aufschrecken aus den wirren Träumen. Zurückschlagen der Riegel. "Hände auf die Decke!" Manchmal träume ich von hinter dem Horizont. Von Mutti, aber mehr von Großvater. Gütig schaut er. Freiheit die ich meine. Es kommt mal anders. Friedensvertrag. Nachts fliegen die Türen auf. Ein grinsender GI steht Kaugummi kauend in der Tür. Riegel krachen.

Wieder ein Traum. Ich liege mit Renate in der Laube. Es ist heiß. Wir treiben es bis zur Ekstase. Morgens klebt die gestreifte Armeeunterhose. Scham.

Maschendraht. Wände. Mauern.

Die Klappe fliegt auf. Essen fassen. Kübel raus. Wie viele Tage? Es ist Wochenende. Ich habe gelernt, dann ist duschen angesagt. Herrlich, dieser kurze Moment, das spärliche heiße Wasser aus der verkalkten Düse. Keine Gesichter. Das Bein schmerzt immer noch. Raus treten. Rechts lang! Ich stolpere durch die nächste offene Tür. Freigang. Freigang. Ein enger zwischen hohen Mauern liegender Hof. "Gänse!" Rauer Beton. Mein Blick sucht den Himmel. Maschendraht. Ein. Posten auf einer Plattform. Wieder diese Maschinenpistole. Die Bedrohung.

Wer konnte wohl Mauer und Draht und Wand und Mauer und, und, und überwinden? Ein Vöglein würde im Draht stecken bleiben. Eine Eidechse kann nicht fliegen. Ich schreibe meine Gedanken auf den glänzenden Stragula-Fußboden. Man kann die Gedanken mit dem Feudel auslöschen. Der Fußboden muss immer glänzen, sonst droht Schikane und Strafe. Raus treten.

Wieder keine Gesichter. Links lang. Wieder die Drähte. Auf den Hof. In der Minna drängen sich unbekannte stumme Gestalten. Die Türe der engen Drahtkäfige krachen zu. Tür auf. Der LKW fahrt los. Kurze Fahrt. Halten. "Raus! Raus!" Uniformen mit Maschinenpistolen. In der Reihe. Bei Fluchtversuch wird von der Schusswaffe Gebrauch gemacht.

Durchgangsstation Zuchthaus Cottbus.

Güterwagen. Gleise. Man treibt uns an. Immer wieder die drohenden Gewehrläufe. Ängstliche Gesichter. Junge und Alte. Grotewohlexpress. Ich habe mir nie ausgemalt, wie der von außen aussieht. Enge Minizellen mit gewölbten Plastiksitzen. Undurchsichtige Fenster. Vier Mann eine Zelle. Stickend heiß. Eng. Wir kommen ins Gespräch. Jeder klagt sein Leid. Erzählt besonnen. Unschuldig.

Wenn Honecker das wüsste. Das hatte man bei den Nazis auch gesagt. Ich hab sie vergessen. Es war immer irgendein Elend. Aber viele wollten auch nur von Deutschland nach Deutschland. München, Berlin, Hamburg, Hafen, Reeperbahn. Die Phantasie bekam Flügel.

Ich muss mal.

Zaghaftes Klopfen an der Tür. Die Blase drückt. Außerdem habe ich Durst. Es schmerzt. Ich klopfe stärker. Ruhe!! Ich klopfe lauter. Die enge Tür fliegt auf. Ich werde von zwei derben Fäusten auf den engen Gang gezerrt. "Was isn?" - Ich muss mal." Acht auf den Rücken. Gelächter. Der Wagen schwankt. Meine Arme sind gefesselt. Das Bein schmerzt. Taubheit breitet sich aus. Die Blase scheint zu platzen. Ich heule vor Wut. Scham breitet sich aus. Heiß rinnt es ins Hosenbein. Der Schmerz geht in Wohlsein über. "Du Sau, du Schwein!" Man schubst mich in die enge Zelle zurück.

Niemand muss mehr. Aber es stinkt fürchterlich. Beim kurzen Halten des Zuges stupide Bahnsteiggeräusche. Tür auf. Einsteigen. Stimmen. Aussteigen, das zum Ritual gewordene Umsteigen der Jammergestalten in die grüne Minna. Zuchthaus Cottbus, wie wir erfahren. Durchgangsstation. Warnung!! Namen werden geflüstert. Vorsicht vor Arafat!

Der große Nazi-Hund.

Eines Tages stinkender roher Fisch. Mein Dann beruhigt sich erst, als er schmerzt vom unhaltbaren Entleeren. Eiskalter Schweiz lässt mich vor Schüttelfrost frieren. Ich bin am Ende. Es ist heiß geworden in den kargen Zellen und auf den Höfen. Wenigstens sind keine Blenden vor den Gittern. Man kann die braunen Körper der Außenkommandos sehen.

Nur Kriminelle mit proletarischem Klassenbewusstsein. Eine neue Erfahrung. Teile und herrsche. Die Drohung. Wenn ihr nicht spurt, öffnen wir die Zellen. Die machen euch reaktionäre Elemente fertig. Kapos haben sie von den Nazis übernommen, raunte jemand. Raus treten zum Transport.

Grotewohlexpress. Grüne Minna. Wieder öffnet sich eine Tür. Ein hoher Backsteinbau. "Rein da!!" Drei Etagen U-Bau. Lange eiserne Treppen zwischen den Stationen. Zelle an Zelle. An den Ecken die Kübelzelle. Gegenüber der Glaskäfig des Stationsleiters. Erziehers. Ich stolpere die Eisenstufen hoch. Zwischen den Stationen keine Fallnetze. Später höre ich den Anstaltsleiter: "Ackermann hat sie entfernen lassen." Wer lebensmüde springt, ist selber schuld. Nachschub ist planbar.

Am Ende der Treppe stand breitbeinig drohend eine drahtige uniformierte Gestalt. Nazibild. Ich habe immer mehr das Gefühl, man hat sie uns in der Schule so beschrieben. In der eine Hand das genietete Gewalt verbreitende Schlüsselbund, in der anderen der wippende Gummiknüppel. Fletschende Zähne. Drei Pickel auf den Silber umwickelten Schulterstücken. Zum Offizier hatte er es nicht geschafft. Der "große Hund", wie er sich in meine Seele einfraß.

Otto tröstet mich.

"Doppelter Ausbrecher, willst zum Klassenfeind. Bei mir biste richtig. Ab in die Zelle.“ Die Knüppel treffen schmerzhaft meine Schulter. Tür auf. Ein Stoß mit dem Ende des Knüppels treibt mich bis auf das Bett unter dem Fenster. Die Tür fällt krachend zu. Riegel krachen. Ein kahlköpfiger Mann mit freundlich rundem Gesicht streckt mir die Hand entgegen. Otto.

Otto tröstet mich! Otto weiß Bescheid. Er hat tausend Tricks und Rat in allen Nöten. Versteckte geheimnisvolle Döschen mit Zwiebeln und Gläser mit Wein aus Marmeladenresten in geheimen Ecken und Nischen der Zelle. Otto, ein alter Sozialdemokrat aus Danzig. Er war bei den Nazis in Buchenwald. Kannte Thälmann und hatte keine gute Meinung von diesem. Im Krieg war er auf dem Bau und hat den Führerbunker in Berlin mit gebaut. Er kannte viele Geschichten. Und könnte Trösten.
Tage vergingen.


Staatsfeinde werden in der Tischlerei nicht gebraucht

Einteilen zur Arbeit. Irgendein Wachtmeister hatte gefragt, was ich könne. Beim Großvater hatte ich Spaß beim Tischlern und Basteln in Haus und Hof. Arbeitseinsatz Tischlerei. Abschied von Otto. Ich stehe mit meinem Bündel Elend auf Station. Es ist heiß. Der Wachtmeister geht auf einen großen Strafgefangenen zu. Bekleidet mit einer auffallend korrekten Knastuniform. Schwarzglänzende längere und nach hinten gekämmte Haare mit arrogantem Auftreten. Der Wachtmeister reicht ihm meine Akte. Flüchtiges Blättern.

Ausbrecher, Staatsfeinde, kann ich in der Tischlerei nicht gebrauchen. Zurück auf die Zelle. Ein junger Mitgefangener, er erzählt, er wäre aus Waldheim verlegt. Dort war eine Meuterei. Es wäre Blut geflossen und das Mobiliar hatte mannshoch gelegen. Er erzählte, ich wäre an den Doppelmörder Degen geraten. Wilde Geschichten von Salzsäure usw.
Der hätte im Hause eine Sonderstellung. Selbst die Wachtmeister hätten Angst vor ihm. Er hatte eine offene Zelle, seine willfährigen Geliebten konnten jederzeit zu ihm, und im Haus spionieren.

Er hatte auch einen auffallend engen Gang. Böse Zungen sagten, er könne sonst den Stuhl nicht mehr halten. Mein Zellenkamerad verweigerte Essen. Er wollte sich beim Verbindungsoffizier oder Anstaltsleiter beschweren. Prompt wurde er unter Wasser auf Einzelzelle verlegt. Zum Waschen gab es nur Seifenwasser, erzählten die Kalfaktoren. Er hat wohl eine Woche ausgehalten. Ich wurde zurück verlegt. Doppelzelle.

Ein sommersprossiger Melker aus Mecklenburg. Seine kräftigen Hände hatten wohl dem Falschen blaue Augen geschlagen. Wir kamen gut miteinander aus. Die Tür flog auf. Raus treten zum Arzt. Eingangsuntersuchung. Bücken, tasten, klopfen, Zunge raus, der Nächste. Vorstellen beim Zahnarzt. Auf den Stuhl. So ein Typ in Weiß fuhrwerkt mir im Mund herum. Der schiefe Schneidezahn am Unterkiefer muss raus! Kräftige Hände halten mich wie Schraubstöcke im Stuhl. Mein Kiefer wird aufgespreizt, in dem kräftige Finger in mein Kiefergelenk drücken. Blitzen einer Stange. Schmerzen. Nutzlos, der Versuch des Aufbäumens, Kurzes Zerren. Beißender Schmerz! Der Zahn fliegt in den Müll.

Abtreten. Ich zittere vor Wut und Schmerz.

Wenn sie dich einsperren, arbeite!

Ich werde zur Arbeit eingesetzt. Elmo heißt es. Dort werden Elektromotoren hergestellt. Kupferwicklungen für den Export. Aluminium für die Republik. Ich arbeite als Spuler. Ist so eine Schlüsselstellung. Die Produktion ist davon abhängig. Ich versuche zu überleben. Großvater sagte einmal: "Wenn sie dich einsperren, arbeite! Dann hast du den Rücken zur Wand." Ich wollte überleben. Erziehungsgespräch beim großen Hirsch. Drohend sitzt er hinterm Schreibtisch.

"Ich gehe auf jeden Fall in den Westen." Die Faust kracht auf den Schreibtisch. Ein schwerer gläserner Aschenbecher zischt an meinem Kopf vorbei. Plötzlich steht er hünenhaft vor mir. Er stinkt aus dem Mund. Er tritt mir mit dem Knie zwischen die Beine. Ich bekomme keine Luft. Vor Schmerz wimmernd liege ich auf dem Boden. Wenn ich bloß Luft bekäme. Wüstes Gebrüll: Klassenfeind, reaktionäres wohltätiges Schwein, Sieg über den Kapitalismus, Wir kriegen jeden klein. Langsam bekomme ich Luft. Die Hoden schmerzen bis heute. Zurück auf die Zelle. Einzelhaft.

Zwei, drei Tage, dann raus treten zur Arbeit. Ich erfahre, der Plan war in Gefahr. Sie fanden keinen fähigen Spuler. Großvater hatte Recht.

Die Zeit wurde gesichtslos. Die Zellen und die Kameraden wechselten. Gute und schlechte, ab und an wieder nur zu zweit mit Neuen, die auffallend viel fragten oder drohten, sie würden sich von mir nicht die frühzeitige Entlassung verderben lassen. Einsame Prügeleien.

Bilder, die sich einfressen.

Ich entdeckte, dass ich sehr kräftig war, trotz meiner sehr zierlichen Figur. Es wurde ruhiger. Manche Wachtmeister versorgten uns mit Nachrichten. Mancher war wohl strafversetzt. Es herrschte Unruhe im Haus. Die Uniformierung veränderte von heut auf morgen. Schaftstiefel, Schulterriemen, rauer Ton.

Unruhen im Westen. Wissen die 68-iger was sie tun? Mit diesem letzten freien Drittel der Welt? Ostermärsche, brennende Autos, Randale in der Welt unserer Hoffnungen und Träume.

Häme bei den Schließern, Verunsicherung, Schweigen bei den wenigen Anständigen. Ackermann richtet eine Nicht-Arbeiterstation ein. Arbeitsverweigerer und Häftlinge, die ihre Norm nicht erfüllten, wurden auf der Mittelstation isoliert. Beim Einrücken von der Arbeit konnten wir mit ansehen, wie ihre Verpflegung - heißes Wasser aus dem Armeekübel und ein winziges Stückchen Brot - verteilt wurde. Die abgemagerten Jammergestalten mussten mit ihrem Geschirr bis auf den Gang heraustreten, damit wir die ausgemergelten Gestalten sehen konnten.

Bilder, die sich einfressen, wie aus dem Dritten Reich! Gleichzeitig veranstaltet Ackermann für die progressiven Kriminellen Hähnchen-Essen.

Krieg zwischen Israel und den Arabern. Kassiber wechselten die Zellen. Wildeste Gedanken, Ausbruch, freiwillig zur Israelischen Armee, gegen die Araber, gegen die Russen. Stimmungen erinnerten an den 17. Juni 1953, Ungarn 1956, die Amerikaner.

Es wurde ein Hexenkessel.

Ich war gerade eingeschlafen. Die Zellentür flog auf. Stahlhelm. Hundegekläff. "Raus! Raus!" Die Gänge waren überfüllt mit Strafgefangenen von allen Stationen. Überall Uniformen in dieser Kampfmontur. Gesichter zur Wand. Beine gespreizt, Hände ins Genick. Mir schlottern die Knie, die Zähne klappern wie ein Maschinengewehr. Aus den Zellen fliegen die Sachen der Gefangenen über die Brüstung ins Erdgeschoss, wirre Haufen aus Decken, Bekleidung, Seifendosen, Zahnpasta usw. bildend. Irgendjemand reißt mir die Hände auf den Rücken und treibt mich über den Gang auf den Hof.

Den Hof! Wir kannten die Bedrohung hinter diesen Gittern, von den Freistunden. Dort war das Fallbeil. Wir wussten von der Existenz der Todesstrafe. Es war die Zeit der Bluthilde. Hilde Benjamin. Danach kam Streit. Ein Strafgefangener war fürchterlich verprügelt worden und hatte sich irgendwie beschweren können. Streit schrie: "Der Wachtmeister hätte im proletarischen Zorn gehandelt." In der dünnen Unterwäsche mit der ewig rutschenden Hose und den zu kurzen gestreiften Beinen fror ich fürchterlich. Wir hatten das Gitter erreicht.

Meine Arme wurden nach hinten hochgerissen und ans Gitter geschlossen. Ich versuchte auf Zehenspitzen den Schmerz zu lindern. Höhnisches Lachen. Eine Stimme: " Wenn wir wiederkommen bist du dran! In der Ecke haben wir Wlassow erschossen."

Wlassow??

Angst und die Kälte. Die Zähne klappern. Dann Gefühle von Trotz. Heldentum, Andreas Hofer. Nur, es schmerzte so in den Armen. Das Bein ist taub. Die Füße versagen. Frieren. Plötzlich ist alles vorbei. Die Fessel löst sich. Eine ruhige Stimme sagt fast väterlich: "Zurück auf die Zelle." Wie ich dort hinkam, weiß ich nicht! Ich sehe nur noch den Trümmerhaufen im Zellentrakt. Tagelanges Aufräumen.

Gerüchte: Amnestie, Freikauf, Strafrechtsreform - Hoffnung.

Ich werde verlegt. Sechs-Mann-Zelle. Werner, Werner Zabel. Ich erfahre, er war Messeleiter bei Siemens. Hat spioniert. Auch er ein kahlköpfiger, kräftiger, väterlicher Typ. Wir freunden uns an. Später nach meiner Entlassung bekomme ich lange Pakete von ihm aus Westberlin. Ich habe seine Spur verloren.

Es geht wieder zur Arbeit. Der Plan geht vor. Da war auch noch dieser Mitgefangene, ein junger Journalist vom Springer Verlag. "Ich helfe dir!!" Hat er meine Daten in den Westen geschmuggelt - helfende Hände Hamburg? Wieder Unruhe im Haus. Man munkelt von Amnestie, Freikauf, eine neue Dimension, die zur fixen Idee und Hoffnung wird. Freikauf - das waren so Gerüchte. Es half Hoffnung zu entwickeln. Strafrechtsreform. Andere Kategorien. Hafterleichterung. Werners Vater wird in den Westen entlassen. Gerüchte über Gerüchte.

Sachen packen. Es geht auf eine große Gemeinschaftszelle. Wir liegen zu dreißig Gefangenen auf dem Fußboden. Keine Zellenordnung. Gerüchte. Dann raus zum Transport. Grotewohlexpress. Alles schon Routine. Man hat gelernt, wie man durchkommt. Ankunft in Berlin-Hummelsburg. Eine Dreißig-Mann-Zelle erwartet mich.

Festes routiniertes Kapo-System. Ich freunde mich mit einem kräftigen Typen an. Er bekommt meine Zigaretten. Ich hatte mir das Rauchen in Brandenburg von heute auf morgen abgewöhnt. Und damit den großen Hund zur Weißglut gebracht. Ich wollte mich nicht mehr wegen weggeworfener Kippen prügeln oder das Seegras der uralten Matratze rauchen. Er beschützte mich.

>> MDR

 

Im Zuchthaus Cottbus

 

Die letzten Semester im Studium des Sozialismus verbrachte ich im Zuchthaus Cottbus. Ich hoffte, sie mit der höchsten Auszeichnung, die in der ehemaligen "DDR" zu erringen war, abzuschließen - der Entlassungsurkunde aus der Staatsbürgerschaft der "DDR". Die Wirkungsmechanismen des Marxismus - Leninismus hatte mich der SSD schon in Potsdam gelehrt; jetzt lernte und erlebte ich deren Anwendung auf das Volk. Es war die Zeit, als die Grundlagenverträge in dieser Haftanstalt Wirkung zeigten, beziehungsweise Wirkung zeigen sollten. Man hatte bei der Abfassung der Verträge einen großen Fehler gemacht. Man hatte die Verträge mit gesundem Menschenverstand, nicht aber in der Logik der Kommunisten abgefaßt. (Kommunistische Logik findet man, indem man unter allen Möglichkeiten diejenige wählt, die den größten Abstand vom gesunden Menschenverstand hat.) Die Folgen dieses Fehlers erlebte ich am eigenen Leibe. Man hatte z. B. vereinbart, daß die politischen Gefangenen Zigaretten bekommen sollten. So warfen die Wärter uns Neuankömmlingen tatsächlich Zigarettenschachteln in die Zelle. Als die Raucher auch noch Streichhölzer verlangten, sagte der Wärter zynisch, "das war nicht vereinbart." Später bekamen wir sogar Teebeutel zum Kaufen angeboten. Als wir dazu heißes Wasser wollten, bekamen wir die gleiche Antwort. Die Kommunisten lasen die Verträge wortwörtlich... Dies hatte in konkreten Fällen sogar verheerende Auswirkungen. (Ich leide heute noch darunter.)

Durch den permanenten Druck aus kapitalistischen Kreisen wurden die sozialistischen Haftbedingungen aber tatsächlich in manchen Dingen langsam verbessert. Ich hatte am Anfang im Bautrupp selbst mitgeholfen, die alten Dunkelzellen im Keller zu beseitigen. Ich hatte den Gerüchten keinen Glauben schenken wollen, daß man Gefangene in solche mittelalterlichen Dunkelzellen steckt und dann noch Wasser rein laufen läßt. Jetzt hatte ich sie mit eigenen Augen gesehen. Ich konnte an den verschimmelten Wänden auch noch die Wasserränder erkennen, die anzeigten, wie hoch das Wasser darin gestanden haben mußte. Die Blenden vor den Fenstern, große Bleche, die die Sicht nach draußen versperrten, wurden abmontiert. Jetzt hatten wir freie Sicht aber dafür einen kalten Wind, der ausgerechnet mich erwischte, weil ich direkt unter dem Fenster schlief. Die Folge war, daß ich in dem kalten Winter 1977/78 mir nachts ein Bein fast erfroren hätte. Die Schmerzen im Bein erinnern mich heute noch daran. Das Essen sollte auch verbessert werden. So kam Fleisch in die Suppe; ja wirklich, ich hatte es selbst einmal gesehen, als ich in der Küche mit Kartoffelschälen dran war. Das Fleisch verdunstete aber offensichtlich schneller als das Wasser in der Suppe, denn auf dem Weg zu den Zellen war die Suppe jedesmal auf unerklärliche Weise wieder sauber und klar geworden. Dies erinnerte mich an das Internat in Wiesenburg, wo nur einer dick geworden war, der Küchenchef selber. (Ich hätte Koch werden sollen, das war offensichtlich der Beruf mit den höchsten Überlebenschancen in allen Lebenslagen.) Unser Tageslauf wurde übrigens - genau wie in Wiesenburg - durch die laute Brumme von Kriegsschiffen geregelt. Es gab auch den gleichen gestrengen Tagesablauf. In dem Internat war allerdings erschwerend hinzugekommen, dass ich Leistungen zu erbringen hatte, die mir gegen den Strich gingen, und ich den Stress mit den Zensuren und Einträgen hatte. Davon war ich hier befreit. Auch gab es keine Schulungen über Marxismus-Leninismus mehr, wir mußten nicht russisch sprechen - welch eine Erleichterung. Auch die Arbeit war längst nicht so schwer, wie die Zwangsarbeit im Ziegelwerk in Zehdenick, die ich als Kind machen mußte. Wir waren jetzt bei der praktischen Anwendung des Marxismus-Leninismus in seiner reinsten Form, beim Stanzen von Blechteilen für die berühmten Fotoapparate aus der "DDR", im Dreischichtbetrieb in einem sozialistischen Zuchthaus, einem Bollwerk der unerschütterlichen Festen des Sozialismus. So lernte ich den Sozialismus in allen seinen Formen und Schattierungen kennen. (So habe ich mir das Recht erkämpft über ihn schreiben zu dürfen. Wenn man über Kommunisten schreiben will muss man über ihre Zuchthäuser schreiben - wenn man über ihre Zuchthäuser schreiben will, muss man in einem gewesen sein.) Dieses Zuchthaus war der Versorgungstrakt für das größte Bollwerk des Sozialismus, der Grenze. Beide waren alleine nicht existenzfähig. Im Sozialismus existierte - nach den Worten der Kommunisten - alles in einer harmonischen Einheit miteinander: Die Grenze war nötig geworden, weil die Kommunisten zu viele Zuchthäuser eingerichtet hatten - dieses Zuchthaus gab es nur, weil es die Grenze gab. Kommunisten - Grenze - politische Zuchthäuser bilden eine harmonische Einheit - sie existieren nur alle zusammen und werden auch alle zusammen wieder untergehen.

Draußen, also zwischen den Mauern dieses Zuchthauses und der großen Mauer, ließen sie uns nie arbeiten, obwohl es genügend Arbeit gegeben hätte, die schmutzig genug für uns gewesen wäre. Nicht dass sie uns nicht trauten. Dieses Zuchthaus war ja keines von denen, aus denen man ausbrach. Nein, wir hatten alle eine ansteckende Krankheit, die durch Sprechen übertragen wurde. Sie hatten Angst, wir würden den Rest der Bevölkerung der damit anstecken. Sie fürchteten, dass

es nach dem Zurückbringen der Gefangenen nach jeder Zählung immer mehr werden würden. In den Zellen waren schon drei Betten übereinander und es drängten immer mehr nach. Wenn der SSD es nicht gebremst hätte, wäre ein so großer Teil der Bevölkerung durch dieses Zuchthaus mit Bussen in den Westen gefahren, dass die Kommunisten am Ende nur noch unter sich gewesen wären.

Beim Bautrupp hatten wir eine große fahrbare Leiter mit der wir die Fassaden neu machten. Wir hätte alle über diese Leiter entkommen können, aber keiner tat es. Niemanden zog es in die "DDR" zurück, die von allen Insassen (die SSD-Spione unter den Gefangenen ausgenommen) auch nur als großes Zuchthaus angesehen wurde. Weil wir viel hin und herlaufen mussten, um das ganze Zuchthaus schöner zu machen, mussten die Wärter ständig uns die vielen verschlossenen Türen öffnen und schließen (bei jedem Eimer Mörtel). Einem wurde das eines Tages zu viel. Er drückte uns sein Schlüsselbund in die Hand - das größte Schlüsselbund, das ich je in meinem Leben gesehen hatte - und überließ uns selbst das dauernde Schließen. Auch bei dieser Gelegenheit gab es keinen Ausbruch von Gefangenen aus dem inzwischen berühmt gewordenen Zuchthaus Cottbus / es war eben doch nur die Wartehalle in die Freiheit

Im ersten Stock bauten wir Einzelzellen, die sehr geräumig waren. Nur hin und wieder waren sie durch Gitter in kleinere Zellen aufgeteilt (zum Essen, rumsitzen und zum Schlafen). Sie konnten sogar einen Blick auf Cottbus werfen. Zumindest konnten sie das Wahrzeichen sehen, das man schon aus großer Entfernung nicht übersehen konnte. Ich hatte es immer als Wegweiser genommen, wenn ich von Berlin nach Dresden auf der Autobahn gefahren war. Man konnte es nicht verfehlen, denn der Himmel war schwarz über Cottbus. Der Grund war ein riesiges Braunkohlekraftwerk, dass so viel Dreck ausstieß, dass Millionen Jahre später die Geologen bei Ausgrabungen den Ausbruch eines riesigen Vulkans vermuten werden. Als ich mit meinem Motorrad auf der völlig leeren Autobahn anhielt und von dieser sehr beeindruckenden Landschaft ein Bild machte, stand plötzlich ein Polizist neben mir, der gleich den ganzen Film haben wollte. So gefragt war also das Wahrzeichen von Cottbus. (Allerdings war ich so ungeschickt beim Film raus nehmen, dass ich sie verwechselt haben muß. Hier ist dieses Bild.)

Diese Einzelzellen waren für Gefangene, die ihre Arbeit verweigerten. (Manche glaubten, dass sie so eher in den Westen kämen, was aber nichts damit zu tun hatte - nur die Existenz in diesem Zuchthaus war entscheidend - und Dr. Vogel als Scheinanwalt, der der Sprecher des SSD war.)

Ich gehörte nicht zu denen. Ich machte hingegen immer alles was man mir sagte und habe mich nun bis zum Bautrupp im Zuchthaus Cottbus hoch qualifiziert: Ich hatte mit dem Abiturzeugnis in der Hand Rüben verzogen, weil dies die Genossen so befahlen; ich hatte mit der Waffe in der Hand als junger Volksarmist Rinderoffenställe gebaut, weil ein Genosse namens Chrustschoff o.ä. (so genau kenne ich ihn nicht, solche Dinge müssen sie in einem politischen Buch nachlesen) es so wollte, ich habe mit einem Diplom in der Hand Kartoffeln gelesen, weil es keine zu kaufen gab - und jetzt dübelte ich eben Gitter in die Wand, weil der Sozialismus diese Gitter dringend brauchte. (Allerdings machte ich die Mischung so bröcklig, dass man alles leicht mit den Fingernägeln raus kratzen könnte.) Ich habe nie eine Arbeit verweigert. Ich habe immer gemacht, was die Kommunisten von mir verlangten. Heute schreibe ich nur deshalb ein Buch darüber, weil sie mich auch dazu gezwungen haben. Sie haben mich nicht vergessen. Heute verbindet uns eine Hassliebe, dass man wieder sagen könnte - wir sind eine harmonische Einheit. (Den Kommunisten unter den Lesern hier ein zünftiges: "Rot Front Genossen"

Wenn sie nun alle von der Zimmerdecke zurück gekommen sind können wir weiter machen.

Ich machte es mir in diesem Zuchthaus also so gemütlich, wie es eben nur ging. So gab es in meiner Zelle z.B. sogar heißen Tee - und das kam so: Ich hatte einen Tauchsieder gebaut und an der Beleuchtung angeschlossen. Es war die denkbar einfachste Konstruktion. Aus einer Plastik-Tasse schnitt ich den Boden heraus und setzte eine runde Lochscheibe aus Messing in der Mitte der Tasse ein, damit sie keinen elektrischen Kontakt mit den Wandungen der Blechkanne bekam. Ich stellte die Kanne mit Wasser auf einen blanken Heizkörper der elektrisch gesehen die Erde war. Die Lochscheibe verband ich mittels eines Drahtes mit einem Pol der Zimmerlampe. Das war alles. In wenigen Minuten hatten wir kochendes Wasser. Nach einigen lustigen Tee-Abenden im Zuchthaus hatten die Wärter was mitbekommen. (Vielleicht hat auch einer zu viel gequatscht - nachdem er zu viel Tee getrunken hatte.) Sie nahmen uns den Tauchsieder weg. Ich baute am nächsten Tag einen neuen. Nach der Teestunde nahmen sie ihn wieder weg. Ich baute wieder einen neuen u.s.w. Ich bekam langsam Routine darin - die Wärter auch. Das Material, ein Stück Blech und ein Stück Draht fand ich bei der Arbeit, beim Stanzen von Blech. Wir hatten Teile für Photoapparate zu stanzen, die allerdings nie richtig zueinander paßten. Es wurde nur die Anzahl der Teile registriert, die man zu stanzen hatte. Alle stanzten so schlecht, wie es nur ging. Niemand interessierte sich dafür, ob das, was man machte, auch brauchbar war. Das hat aber nichts mit dem Zuchthaus zu tun. Das war überall so, das war ja der ganz normale Sozialismus, das Ergebnis, dass der Betrieb "volkseigen" war. (Wichtig war nur, daß man arbeitete und alle beschäftigt waren. Die Kommunisten waren immer stolz auf ihre "Vollbeschäftigung". Sogar mir hatten sie damit wieder Arbeit verschafft. Links von mir stanzte ein Arzt, rechts von mir ein Kybernetiker; so waren wir wieder alle gleich und voll beschäftigt - für den Sieg des Sozialismus, für was sonst? Alles was in der "DDR" getan wurde, diente nur dem Sieg des Sozialismus. Heute wissen wir natürlich, dass gerade der Sieg über den Sozialismus das Größte war, was die Menschheit bis jetzt vollbracht hat.) Die Photoapparate waren die berühmten billigen Apparate aus dem Osten, die ich später in Westberlin gesehen hatte. (Den Namen der Firma will ich hier lieber nicht nennen, sonst bekomme ich womöglich einen Prozeß an den Hals.) Ich stanzte nicht nur eine runde Scheibe mit Löchern, die ich den Aufsehern immer als "Lochblende" vorstellte, sondern auch anderes brauchbare. Niemand fand etwas dabei. Sie waren zufrieden mit mir. Es genügte, wenn man an der Stanze viel Lärm machte und mit vielen Teilen in der Hand umher lief. Ich stanzte ja eifrig. Das sollte ich ja auch. Nach einigen Monaten hätte ich einen kleinen Laden für "begehrte Haushaltsgegenstände" aufmachen können. Beliebt war mein Kreisel an der Streichholzschachtel, der nicht herunter fiel, wenn er sich drehte, wie man die Schachtel auch hielt (jetzt können sie darüber nachdenken, wie ich das machte). Ich wollte immer schon irgend etwas Begehrtes produzieren und dabei reich werden. Wenn mich jemand gefragt hätte, was ich im Westen machen wolle, so hätte ich promt geantwortet, nachdem ich den Sozialismus gründlich studiert und erlebt habe möchte ich nun Kapitalist werden.

Überraschenderweise bekam ich eines Tages einen Brief von meiner früheren Freundin Christine Kappelt. Sie unterstützte mich ganz offen in diesem Brief gegen meine Peiniger, dass ich sofort Angst um sie bekam. Ich wunderte mich, daß ich den Brief überhaupt erhalten hatte. Das war sicherlich ein Regiefehler, wieder so ein kleines Loch im großen Käse des Sozialismus. Christine hatte mich also nicht vergessen, obwohl sie einen Anwalt namens Gerber geheiratet hatte. Sie weckte alte Erinnerungen aus Dresden in mir: Es war ein lauer romantischer Sommerabend, einer der wenigen im Jahr, wo die Natur den Atem anhielt und das Geschehen den Liebespaaren überließ, die sich rechts und links an den Ufern der Elbe tummelten. Ich aber war einsam und allein. Ich schaute gedankenversunken dem Wasser zu, das sich träge unter dem "Blauen Wunder" hindurch wälzte. (Diese Elbbrücke in Dresden Laubegast hatte den Namen "Blaues Wunder" bekommen, weil sie eine so schwere Eisenkonstruktion war, dass es ein Wunder war, dass sie nicht schon unter ihrem eigenen Gewicht zusammenbrach.) Wenn man romantisch veranlagt war, konnte man den Sonnenuntergang genießen. Dann konnte man sehen, wie die Dunkelheit an den Uferhängen hängend langsam in das Elbtal hinunter kroch, wie die fliehenden Sonnenstrahlen die Hänge auf der gegenüberliegenden Seite in verschiedenste Farben tauchten. Die Hänge leuchteten in der flachen Abendsonne auf, dass man plötzlich Einzelheiten sehen konnte, die vorher für einen einfach nicht da gewesen waren. Man konnte jetzt die kleine Sternwarte von Prof. Manfred von Ardenne erkennen, einem Professor mit einmaligen Privilegien, die er direkt von den Russen bekommen hatte. Da war der kleine Weg, der zum "Weißen Hirsch", Dresdens Nobelviertel, hinauf führte. Ich kannte ihn genau, weil ich ihn schon oft gegangen war. An seinem Ende hatte jedesmal Mary auf mich gewartet. (Sie studierte Technologie und wohnte auf dem "Weißen Hirsch." Ich wußte genau, wo immer die Nachtigall gesungen hatte, der wir so oft eng umschlungen nachts gelauscht hatten. Es war meine erste große Liebe gewesen. Ich schwelgte in schönen Erinnerungen. Das war alles, was davon übrig geblieben war. Ich war ihr zu jung - oder wer weiß was noch gewesen. Inzwischen war es dunkel geworden. Der Mond schimmerte verschwommen auf der leicht gekräuselten Wasseroberfläche. Er hatte heute einen einsam traurigen Ausdruck. Er schien auch auf Gesellschaft zu warten. (Das Wettrennen zum Mond war gerade im Gange.) Eine alte Straßenbahn, die über die Brücke polterte, riss mich aus meinen Träumen. Es war eine von den uralten Dingern, die sich erstaunlicherweise immer noch bewegten. Sie machten den gleichen Krach wie ein russischer Panzer und die Stahlkonstruktion der Brücke übertrug den Lärm high-efficient in die Landschaft. Die Wirklichkeit hatte mich wieder; die Straße war dreckig und die Elbe war ein stinkender Jauchegraben, angefüllt mit allen Chemikalien, die flußaufwärts hergestellt wurden. Ich schlenderte langsam zum Schillergarten, einem damals beliebten Tanzlokal direkt am "Blauen Wunder" gelegen. Da war aber noch nichts los. Ich blickte gelangweilt in ein Schaufenster, in dem nichts besonderes angeboten wurde. Plötzlich sah ich im Schaufensterglas das Spiegelbild eines hübschen blonden Mädchens. Sie sah genau so aus, wie ich sie mir erträumt hatte. Jetzt sehe ich schon meine Traumbilder als Fata Morgana, dachte ich. Ich darf mich jetzt nicht bewegen, nicht umdrehen, sonst ist der schöne Traum sicherlich sofort vorbei. Vielleicht stand sie aber wirklich hinter mir und wartete nur darauf, daß ich mich umdrehte und sie ansprach. Wir könnten gleich hier zusammen in den Schillergarten gehen und miteinander tanzen. Du hast zu lange ins Wasser geschaut, wenn du jetzt schon mit deinem Traumbild tanzen willst, sagte eine andere Stimme in mir. Wertvolle Sekunden verstrichen. Es waren vielleicht die wertvollsten Sekunden in meinem ganzen Leben. Jetzt wäre der richtige Moment, sich umzudrehen und sie anzusprechen. Ich überlegte mal wieder viel zu lange, was ich sagen sollte, und je länger ich überlegte, um so weniger fiel mir ein. Mein Verstand blieb mir stehen. Mein Traumbild in der Schaufensterscheibe begann zu verschwimmen. Ich drehte mich um. Da stand tatsächlich ein Mädchen - und ich brachte kein Wort heraus. Wir schauten uns nur an, lange, aber keiner sagte etwas. Ich glaube, sie war ebenso fasziniert wie ich. Es scheint eine angeborene Krankheit von mir zu sein, nichts zu sagen, wenn ich etwas sagen sollte. Jetzt war sie schon so weit weg, das ich ihr hinterherlaufen müßte. Soetwas machte ich aber schon gar nicht. (Sicherlich wieder so ein Geburtsfehler von mir.) Es schien, meine nächste Große Liebe hatte ein schnelles Ende gefunden. Ich stand immernoch wie angewurzelt, wie ein dummer Junge vor der dummen Schaufensterscheibe mit der dummen Auslage. Die Sache war wirklich zu dumm. Das konnte ich keinem erzählen. Eine Straßenbahn hielt und spuckte eine Horde von jungen Männern aus, die sich nach Mädchen umschauten. Gleich zwei von ihnen sprachen laut und ohne zu zögern meine Traumfrau an. Sie suchten Mädchen für eine Gartenparty und sammelten sie einfach von der Straße auf, mir vor der Nase weg. So plötzlich, wie mein Traum begonnen hatte, war er offensichtlich auch wieder zu Ende. Sie führten sie jetzt weg. Ich wurde sauer, wußte aber nicht, auf wen ich wütender sein sollte, auf mich, weil ich nicht den Mund aufgemacht hatte, oder auf die anderen, die sie mir nun vor der Nase wegschnappten. Ich dachte immer zu viel anstatt zu handeln. Einer kam plötzlich zurück und fragte mich, ob ich mitkommen würde. Ich sah ihn verdutzt an, dann erklärte er, "die beiden Mädchen wollen nur mitkommen, wenn du auch mitkommst". Nichts lieber als das, aber wieso zwei Mädchen? Jetzt sah ich, es waren wirklich zwei, ich hatte das andere Mädchen einfach nicht wahrgenommen. Ich hatte nur eine gesehen, und sie hatte offenbar auch mich bemerkt und wir hatten uns - wie sich herausstellte - vor dem Schaufenster stehend, beim ersten Moment ineinander verliebt - ohne ein einziges Wort miteinander gesprochen zu haben! Wie ist so etwas möglich? Ich war ein rational denkender Physik-Student. Alles war erklärbar, dafür gab es Naturgesetze, die man lernen und begreifen konnte. Und hier geschah etwas Unbegreifliches zwischen Mann und Frau, leise, sanft und gleichzeitig überwältigend kraftvoll, wie nur die Natur es sein konnte. Hier hatte jemand etwas geschaffen, wofür es sich leben ließ. Woher kam diese magische Kraft? Ich weiß es nicht. Aber sie ist da. Das Lächeln einer schönen Frau kann die Welt verändern! Es ist stärker als alle Propagandafeldzüge der Kommunisten zusammen genommen. Wozu hatte ich überhaupt sprechen, lesen, schreiben, rechnen, analysieren, interpretieren und extrapolieren gelernt, wenn das, wofür man alles tat, völlig ohne dem auskam?

Es kam, wie es kommen mußte. Ich entsinne mich nicht mehr der Leute auf dieser Party, sie waren für mich so gut wie nicht vorhanden. Ich sah nur sie, das war Christine - und sie sah nur mich. Ob ich etwas Komisches, Kluges oder Dummes zu ihr sagte, spielte schon keine Rolle mehr. Es gab schon nichts mehr Trennendes. Ich hätte mich auch beim Tanzen tollpatschig anstellen können, das war alles egal. Auch wenn die Zeit stehen geblieben wäre oder sonst was passiert wäre - es hätte keinen Einfluss auf uns mehr gehabt. Seit diesem Abend waren wir nicht mehr auseinander zu bringen. Ich fuhr sie mit meinem Motorrad nach Hause und holte sie auch wieder dort ab. Wir spielten an den Elbwiesen wie zwei junge übergeschnappte Fohlen. Sie hatte noch eine andere Überraschung für mich, sie war noch Jungfer. Beide noch etwas unerfahren ließen wir der Natur ihren freien Lauf - das tat sie dann auch. Nach einigen Tagen kam die Natur langsam in Fahrt. Wir hungerten beide nach Liebe, Zärtlichkeit und Geborgenheit. Unsere Liebe brannte lichterloh und wir genossen es in vollen Zügen. Für mich war das Leben immer nur Spiel gewesen, jetzt war es immer nur Vorspiel. Eine alte Küche in Laubegast, in der Nähe von Pillnitz, war unsere Liebeshöhle. Sie war sehr klein, aber praktisch eingerichtet. Es gab nur einen Küchenherd und ein Bett. Man konnte entweder essen oder schlafen, mehr war in der Enge nicht möglich, mehr wollten wir auch nicht. Erschöpft, aber glücklich gingen wir dann an den Elbwiesen spazieren, um uns zu erholen. Überall merkte man uns an, dass wir über beide Ohren ineinander verliebt waren. Wir redeten nicht viel, wenn wir in einem Restaurant sassen. Wir sassen meist an sehr kleinen Tischen, um den Körperkontakt nicht ganz zu verlieren. So sassen wir uns am Fenster bei schimmerndem Kerzenschein dicht gegenüber und sahen uns tief in die Augen. Ich streichelte dabei zärtlich ihren aufgestellten nackten Unterarm mit meinen Fingerspitzen. Sie genoss das sichtlich, und hielt mir auch den anderen Arm hin. Leute waren auf dem Bürgersteig stehen geblieben. Sie schauten uns einfach nur zu. Neues Verlangen stieg langsam wieder in uns auf und wir gingen wieder nach Haus'. So hätte es bleiben können, bis in alle Ewigkeit.

Sie war eine Babyschwester, beide hatten wir unsere Mutter früh verloren, beide hatten wir Väter, über die man besser nicht sprach. Aber wen störte das jetzt schon. Sie war voller Leben und kaum zu zügeln. Ich auch. Wenn wir mit meinem Motorrad durch Dresdens Straßen rasten hielt sie mir aus lauter Übermut auch noch die Augen zu. Das wurde mir manchmal sogar zu viel, aber ich konnte mich über nichts aufregen. Sie konnte mit mir machen, was sie wollte. Sie merkte schnell, dass ich ihr nicht böse sein konnte. Wir hatten nur eine einzige Diskrepanz, sie wollte ein Baby und ich wollte erst mein Studium beenden. Wie sollte ich denn eine Familie ernähren? Ich bekam nicht einmal mehr Stipendium. Geld verdiente ich mir nebenbei als Kraftfahrer. So konnten wir uns wenigstens eine Fahrt an die Ostsee leisten. Ich lud ein kleines Zelt auf mein Motorrad und los ging es. Schon nach der ersten Nacht am Strand kam die Polizei und vertrieb uns wieder.

Irgendwie hatte Christine ihren Willen durchgesetzt und wir zogen einen Jungen namens Dirk auf. Erst Hauptmann Wagner, der alles wusste, klärte mich auf, daß es gar nicht mein Kind war. Ich entsinne mich, dass uns ihre smarte Schwester Karin zu Weihnachten eingeladen hatte, die damals einen Freund namens Dirk hatte, den sie dann auch geheiratet hatte. "Unser" Dirk wurde genau am 24.9. 1965 geboren. Sein Onkel ist gleichzeitig sein Vater. Er ist ihm wie aus dem Gesicht geschnitten. Diesen "guten Rat" ihrer Schwester hatte sie bekommen, um mich mit einem Kind fest an sie zu binden. Genau das Gegenteil hatte sie aber mit diesem Trick erreicht. Sie schrieb mir nun ins Zuchthaus Cottbus, dass sie überall mit mir hingehen würde... Es schien, dass sie schon wusste, was hinsichtlich meiner Frau passieren wird. Das hätte sie nicht tun dürfen. Es war das letzte, was ich je von ihr gehört habe. Ich wusste auch, dass der Hauptmann bei ihr auf Granit beißen würde. Im Zuchthaus bekam ich keinerlei Informationen mehr über sie, auch nicht, dass sie gestorben war. Erst ein Jahr später hörte ich, dass sie bei einer Operation gestorben sein soll. Ist da vielleicht jemand in die Operation rein geplatzt und hat die Ärzte angewiesen," diese Patientin wacht nicht mehr aus der Narkose auf?" Dies war in der ehemaligen "DDR" die normale Behandlung solcher "Patienten" gewesen, die der SSD aus dem Wege haben wollte. Dies hatten sie ja auch schon an meiner Mutter praktiziert gehabt. (Wo waren Sie, Herr Hauptmann Wagner, an diesem Tage?) Sie hatte sicherlich überhaupt nicht gewusst, warum sie sterben musste. Es wusste ja auch keiner, was Hauptmann Wagner alles tat, um meine Übersiedlung von Ost nach West vorzubereiten. Sie war auch nicht die Einzige, die während meiner Haftzeit auf mysteriöse Weise gestorben war - der SSD machte keine halben Sachen...

Ich - von all dem nichts ahnend - wartete jeden Monat auf meinen Bus, denn meine obligatorischen 9 Monate waren lange verstrichen. Ich war ja schon fast so lange in Untersuchungshaft gewesen. Es wurden jeden Monat welche aufgerufen, die mit Bussen nach Karl Marx Stadt (Chemnitz) gebracht wurden, wo die Busse in den Westen zusammengestellt wurden, und der letzte Papierkram erledigt wurde. Ein Monat nach dem anderen verging. Es kamen Neue in unsere Neun-Mann Zelle, z.B. ein gewisser Thomas Scheutzlich + und andere kamen auffallend schnell in den Westen. Bei mir ging es offensichtlich nicht den normalen sozialistischen Gang. Hier war irgend etwas faul. Wie nicht bestellt, tauchte plötzlich Hauptmann Wagner aus Potsdam auf, ließ mich gerade nach einer Nachtschicht wieder wecken. Todmüde sah ich zwei Gestalten, den Hauptmann und den Unterleutnant, die schon meine Sachen vom Effekten geholt hatten und provokatorisch vor mir aufgebaut hatten und mich jetzt einfach "nach Hause" fahren wollten. Der SSD wollte also schon wieder einen Taxidienst übernehmen - wie rührend von den Genossen.) "Wir kommen gerade von ihrer Frau; sie wartet schon auf sie," tönte es zu mir in süßlichen Tönen herüber. Der böse Wolf war wieder da, um mich in einen Hinterhalt zu locken, damit er mich besser fressen kann. Ja, was bilden die sich denn ein? Weiß er denn nicht, dass er das Letzte ist, was ich auf dieser Erde sehen will?

Jetzt kommen sie mit einem solchen plumpen Trick, die Geheimverträge doch noch zu unterlaufen, indem sie einfach sagten, "Herr Willimczik ist wieder nicht dabei, weil er seinen Willen aufgegeben hat. Er wird auch nicht mehr kommen, weil er wieder bei seiner Frau und seinen Kindern ist, dort, wo er hingehört." Sie hatten mich bewusst in dem Moment erwischt, als ich todmüde war. Aber so etwas würde mir ja nicht einmal im Traume einfallen, diesen beiden SSD-Teufeln freiwillig irgendwohin zu folgen, auch wenn ich meiner Frau damit wieder weh tun mußte, weil sie den Trick vielleicht nicht durchschaute. Ich lehnte mal wieder dankend ab. Er wollte mich noch in ein Gespräch verwickeln, ich sagte aber nichts. Ich wusste, dass ich diesem Manne nicht gewachsen war, besonders jetzt nicht, wo ich todmüde war. Den Moment hatte er richtig gewählt. Als ich nichts mehr sagte wollte er mich aufmuntern, "wir sind uns also einig." Ich habe ihre Sachen schon hier, unterstützte Ihn der Unterleutnant. Ich sah meine schwarze Umhängetasche, mit der man mich in Bulgarien verhaftet hatte. "Wir sind uns einig, dass wir uns nicht einig sind," antwortete ich mit der Logik eines Schlaftrunkenen, und wehrte damit seinen Angriff ab. Hatte ich? Ich war mir nicht sicher. Was, wenn sie mich jetzt einfach packten, und nach Hause schleiften? Dann wäre der Traum vom goldenen Westen ausgeträumt. (Das durften sie aber nicht. Sie durften alle verhaften und auch Gewalt anwenden. Sie durften aber niemanden mit Gewalt aus dem Zuchthaus wieder entfernen! So war die damalige Situation durch die Geheimverträge.)

"Sie kommen drüben auch unter die Räder!" unterbrach der Schwarze Hauptmann meine Gedanken. Jetzt bestätigte er mir erstmalig, dass ich doch rüber komme. Es klang zwar wie eine Drohung, darüber zerbrach ich mir aber nicht den Kopf. Die Leute im Westen sind doch nicht so blöd, dass sie Freund und Feind nicht unterscheiden könnten. An der Grenze endet sein Machtbereich. Was will denn dieser Hauptmann noch machen, wenn ich erst einmal diese Grenze passiert haben werde? Sogar jetzt schon konnte er nicht mehr alles mit mir machen, was er wollte. Ich hatte ihn aber offenbar verärgert und er rächte sich auf seine Weise: Auf der Rückfahrt zu seiner Höhle fuhr er mal wieder in Schulzendorf vorbei. Er berichtete meiner Frau, "wir wollten ihnen ihren Mann zurückbringen, aber ihr Mann will nicht mehr zu ihnen zurückkommen". Das war wieder eine der Gemeinheiten dieses Hauptteufels, das mir das Blut aufwallen läßt.

Seit diesem Besuch diese Hauptmanns des SSD in Cottbus hatten mich die Schließer für verrückt erklärt. Ich durfte als Auszeichnung oder Strafe, ich weiß es nicht, als Transportarbeiter auf dem Hof arbeiten. Ich mußte ein Fass mit Waschbenzin an einen kleinen Kran anhängen, damit es in den ersten Stock gehievt werden konnte. Ich sah von unten dem Fass nach. Es wurde gerade ins Fenster gehievt, da sah ich es zurück kommen, gerade dorthin, wo ich stand. Ich konnte gerade noch zur Seite ausweichen, war aber von oben bis unten mit Benzin durchtränkt, weil das Fass beim Aufprall zerborsten war. Es fehlte nur noch ein kleiner Funke... Was hätte der Hauptmann aufgejubelt. Das ganze Problem Willimczik hätte sich in Luft - und Waschbenzin aufgelöst. Ich wunderte mich nur, wie das passieren konnte. Ich hatte es doch richtig eingehängt gehabt. War das ein Unfall oder hatte jemand etwas gegen mich?

Es gab ganz unterschiedliche Leute hier. Man mußte sie kennen, und sich an die geschriebenen und ungeschriebenen Regeln halten. Eine Regel war, dass man draußen ein Käppi aufsetzen mußte, aber drinnen keines auf dem Kopf haben durfte. Wenn ein bestimmter Wärter Dienst hatte, mußte man sehr schnell an der Tür, das Käppi aufsetzen oder schnell abnehmen, denn jener stand oft versteckt hinter der Tür und schob einem ein großes Schlüsselbund in den Mund, wenn man nicht schnell genug war. Ein anderer dafür gab das ganze Schlüsselbund einem Gefangenen und sagte nur, "schließt euch doch alleine ein." Das Vorbild war ein Wärter, der wie ein hoher Offizier aussah, und sich auch so benahm. Er hieß bei den Gefangenen "Roter Terror" und tat seinem Namen alle Ehre. Er wurde immer von einem riesigen Schäferhund mit einer großen schwarzen Schnauze (warum erinnerte mich dieses Bild an den Hauptmann?) begleitet und Hieb dauernd mit einer Reitpeitsche gegen seine hohen blanken Stiefel. Das wirkte und schüchterte ein. Eines Tages sah ich ihn auch in Aktion. Es war im Winter 1977/78 als etwas Schnee viel. Einige wenige Gefangene weigerten sich zu stanzen. Sie wurden in extra Käfigen gehalten. Der "Rote Terror" wollte gerade einen der Arbeitsverweigerer zum Schneefegen zwingen. Dieser aber stand störrisch unter unserem Fenster und rührte keinen Finger. Mit Stockhieben wollte der "Rote Terror" ihn nun zum arbeiten überreden, aber ohne Erfolg. Sein wohl dressierter deutscher Schäferhund schaute zu. Der Wärter hörte aber nicht mehr auf, ihn zu schlagen. Der "Rote Terror" geriet in eine Art Rausch. Der Gefangene ging nun zu Boden. Nach einer Weile rührte er sich überhaupt nicht mehr. Der "Rote Terror" schlug und schlug auf den nun leblos daliegenden Körper ein ohne müde zu werden. Da passierte etwas seltsames. Der Hund, der bis dahin nur zugeschaut hatte, sprang plötzlich dazwischen und biß seinen eigenen Herren - die Hand mit dem Knüppel. Ich hatte also dem Hund Unrecht getan, wenn ich ihn mit einer Bestie wie Hauptmann Wagner verglichen habe. Ein Hund hatte mehr Gerechtigkeitssinn und Menschlichkeit als ein Kommunist!

(Ob man in diesem Zuchthaus arbeitete oder nicht, hatte keinen Einfluß mehr auf die Entscheidung, ob man in den Westen kommt oder nicht. Aber manche trauten offensichtlich den Kommunisten auch darin nicht. Sie waren vielleicht schon zu oft von ihnen betrogen worden.)

Die Spannungen in Cottbus wuchsen. Das Zuchthaus war nun hoffnungslos überfüllt, denn nach dem Besuch des Hauptmann Wagner gab es keine "Transporte" mehr. Aus der Zeitung erfuhren wir, dass an der innerdeutschen Grenze wieder geschossen wurde. Der Bundesgrenzschutz gab Flüchtenden wieder Feuerschutz. Das war ein Indiz dafür, daß im Moment die Verträge nicht eingehalten wurden, in denen sich die westliche Seite verpflichtete keinen Feuerschutz mehr zu geben und der östliche Teil sich verpflichtete, a l l e politischen Gefangenen in den Westen ausreisen zu lassen. Man könnte meinen, dass der Hauptmann sich weigerte, mich ziehen zu lassen. Zeitlich passte alles zusammen. Wir bekamen das "Neue Deutschland" zu lesen. Man konnte daraus entnehmen, daß in der zweiten Hälfte des Jahres 1977 der Kalte Krieg wieder in eine heiße Phase geriet. Der Bundesgeneralstaatsanwalt der Bundesrepublik Deutschland wurde ermordet. Dies geschah ebenfalls nach dem Besuch des Hauptmann Walter. Ich hatte damals nicht die geringste Ahnung, daß das etwas mit Hauptmann Wagner zu tun haben könnte, geschweige denn mit mir. Wie sollte ich damals wissen, daß er den Befehl zu diesem Attentat gegeben hatte um seine Worte, "sie kommen drüben auch unter die Räder", wahr zu machen? Ich wunderte mich nur über einige unerklärliche Zufälligkeiten. So hatte mir mein Zellengenosse Tommy (Thomas Scheutzlich, später Wolfgang Grams) mir versprochen, daß er im Westen meinen "Personenschutz" übernehmen wolle. Warum sollte ich einen "Personenschutz" benötigen, und dann ausgerechnet ihn? Ich konnte mir damals noch keinen Reim drauf machen. Wie sollte ich wissen, das das ein vom SSD ausgebildeter Terrorist war? Dies war eine Lektion, die ich noch zu lernen hatte. Ich glaubte mit den Kommunisten bald fertig zu sein - sie hatten mit mir noch gar nicht richtig angefangen. So verschieden waren Auffassungen in dieser Welt.

Als sich das Jahr 1977 dem Ende näherte wurden die Transporte wieder aufgenommen. Ich dachte jedes Mal, dass ich nun mit Sicherheit dabei sein werde. Nichts geschah. Was war der Grund? Nicht zu wissen, warum etwas - oder warum etwas nicht geschah war quälend. Ich hatte böse Vorahnungen. Wollte er mich wegen meiner "Fliegenden Untertasse" nicht gehen lassen? Dann mußte ich was tun; vielleicht wieder einem seiner vielen Spitzel eine Nachricht zukommen lassen. Ein Gefangener, namens Achim Jäger, der in Potsdam neben meiner Zelle gewesen war, schien einer seiner Spitzel zu sein. Er war auch kein politischer Gefangener, der auf die Ausreise wartete. Eines Tages beziehungsweise Nachts ergab sich eine Gelegenheit, ihm eine Information zu stecken, die den Mythos der "Fliegenden Untertasse" zerstören sollte. Er fädelte die Sache eines Nachts selber ein. Während der Nachtschicht blieb er nach dem Essen einfach länger sitzen, so lange bis wir alleine waren. Er fing ein Gespräch mit mir an, über die Haftzeit in Potsdam und Harald Leipold, den anderen Spitzel. Ich ergriff die Gelegenheit am Schopfe und erzählte ihm, wie mich Harald Leipold verarscht hätte, indem er behauptet hatte, daß er bei Mengersgereuth ganze Gruppen durch die Grenze Schleusen könne. (Weil er Namen wissen wollte.) Er hätte dabei so dick aufgetragen, wie der Angler, der einen Kronleuchter aus dem Wasser zog, bei dem das Licht noch brannte. Daraufhin habe ich ihm die Geschichte mit der "Fliegenden Untertasse" erzählt, an der natürlich nichts dran sei. Mein Gegenüber, der Stasi-Spitzel Achim Jäger, schluckte dies und ging daran, das zu tun, was ihm der Hauptmann für diesen Fall aufgetragen hatte...

Womit er nicht rechnete war die Tatsache, dass er selber ab diesem Zeitpunkt ständig unter Beobachtung war. Ich hatte inzwischen so viele Freunde um ihn herum, daß es ihm unmöglich war, diese Nachricht dem Hauptmann unbemerkt zu übergeben. (Wo war es leichter Gleichgesinnte zu finden als in einem politischen Zuchthaus? Ich sass doch an der Quelle und den Leuten war es sowieso langweilig. Ich wollte wissen, ob, wann und wo sie sich treffen werden. Ich war überrascht, wie gut das funktionierte. Gleich am nächsten Tag geschah es. Der Schwarze Hauptmann wurde wieder gesichtet. Er war auch hier kein Unbekannter. Jetzt hatte ich den Spieß umgedreht, jetzt hatte ich überall meine Späher. Es funktionierte zu meiner größten Überraschung wie ein Schweizer Uhrwerk. Alle taten ihr Werk, diszipliniert wie Soldaten. Niemand verriet etwas. Es gab nun doch etwas, was der Hauptmann nicht wusste. Die Berichte kamen zurück zu mir und deckten sich alle. Zuerst wurde der Spitzel Achim Jäger von der Arbeit weggeholt. Er stanzte nicht, er war der Kontrolleur, der unsere gestanzten Teile nachzählte und sass hinter einem eigenen Schreibtisch. Er tat sehr überrascht, als der Wärter ihn abholte. Er wusste im Moment nicht, was er sagen sollte. "Sie hatten sich doch zum Arzt gemeldet", half ihm der Wärter aus. "Ach ja," bestätigte er schnell. Dann wurde er über den Hof geführt und in eine Tür hineingeführt, wo vorher der Hauptmann drin verschwunden war. So weit so gut, aber Achim Jäger kam überhaupt nicht mehr zurück. Er hatte seine Sache so gut gemacht, dass ihn Hauptmann Wagner als Belohnung auf der Stelle entlassen hatte; natürlich nur in das größere Gefängnis - DDR. Er Hatte keine Chance in den Westen zu gelangen. Er war ein Genosse mit Unterschlagungen oder ähnlichem, der durch Spionieren an mir seine Verfehlung schlagartig wieder gut gemacht hatte. Es hatte sich also nichts geändert, denn mit Verrat hatte 1945 mein Vater auch angefangen gehabt, den Sozialismus aufzubauen. Dies waren seine Grundpfeiler. Ich bekam durch dieses Ereignis nun Hoffnung, dass mein Weg in den Westen geebnet war.

Unter denen, die gegen die Spione des SSD spioniert hatten, war keiner aus meiner Zelle. Ich traute ihnen nicht. Meine Zellengenossen waren alle etwas verdächtig. Es traute sich auch keiner mit mir Schach zu spielen, obwohl das ein alltägliches Mittel in jedem sozialistischen Zuchthaus war, die Zeit tot zu schlagen. Ich dachte, daß da sicherlich ein Spitzel des Hauptmann dabei wäre. Ich irrte mich wieder. Es war nicht einer - es waren, bis auf eine Ausnahme, alles Agenten und ausgebildete Terroristen des SSD, von denen noch die Rede sein wird. Zwei hatten, so wie ich einmal, ein halbes Physikstudium hinter sich, als sie aufgefordert wurden, die Laufbahn eines Spions einzuschlagen. Ich war eines ihrer ersten Opfer. Wie viele Menschen sie schon vor mir ins Unglück gestürzt hatten entzieht sich meiner Kenntnis. Es steht aber fest - und so sagte es der Hauptmann immer wieder - es muss rationell gearbeitet werden, d.h., wenn die Genossen im eigenen Lande als Spitzel abgenutzt waren (d.h., wenn sie bekannt wurden und demzufolge nichts mehr taugten) wurden sie in den Westen als politische Gefangene eingeschleust, wobei sie auch im Zuchthaus gute Dienste leisteten. Der Hauptmann benutzte sie also dreifach. Sie kamen und gingen gewöhnlich schnell wieder, bis auf einen, der scheinbar fest saß. Er wollte, daß ich im Westen zu seinem Vater nach München ging, und ihm verschlüsselt schrieb, was bei ihm klemmt. Ich hatte ja inzwischen schon eine neue Chiffriermethode, die ohne den verräterischen Zettel auskam: Man nehme eine beliebige mathematische Funktion, und rechne nur mit ganzen Zahlen. Die Wörter eines Briefes ordne man mit Hilfe eines einfachen kartesischen Koordinatensystems so, daß man ein Feld mit Wörtern bekommt, so - daß jedem Wort des Briefes ein Koordinaten-Punkt zugeordnet werden kann. Wie man die Zeilen und Seiten eines Briefes in das Koordinatensystem einfügt, ist beliebig, man muß es nur beim chiffrieren und dechiffrieren gleich tun. In diesem Feld von Wörtern hebt man einige Wörter heraus, indem man eine beliebige mathematische Funktion darüber legt. Die durch die Funktion nacheinander gekennzeichneten Wörter ergeben die gesuchte Nachricht. Dazu braucht man keinerlei Code oder Werkzeuge. Die Funktion muß man vorher vereinbaren und sich merken, das ist alles. Man könnte es auch graphisch machen. Die einfachste Funktion ist y = x, eine Diagonale durch das Wortfeld, wobei jedes Wort ein gleich großes Kästchen besitzt. Die in dieser Diagonalen liegenden Wörter ergeben die gesuchte Nachricht, wenn der Brief dementsprechend geschrieben wurde. Diese Methode kann durch andere Funktionen beliebig verkompliziert werden, so daß sie ziemlich sicher ist. Für Leute, die im Gefängnis sitzen ist sie auch brauchbar, denn man braucht keinerlei Unterlagen, es nimmt aber viel Zeit in Anspruch. Dieser Gefangene glaubte, daß ich Weihnachten im Westen sein würde und ihm einen chiffrierten Brief schreiben könne, was bei ihm klemmt. (Es war wieder nur ein Trick des Hauptmann Wagner. Er wollte nur meine neue Chiffriermethode kennen lernen, er steht auf sowas.) Weihnachten kam. Es wurde auch im Knast gefeiert. Irgend jemand machte aus altem Brot und einigen Chemikalien, die man zum Reinigen von Metallteilen benutzte, den berühmten "Brotwein". Also, wenn man schon besoffen war, konnte man den Fusel sogar trinken. Man genoß das Zeug oder wurde blind dabei, je nachdem wie man gebaut war. Mit einem Schluck aus diesem deftigen Silvesterpunch wurde es 1978. Es sollte das Jahr meiner Neugeburt werden, eines neuen Anfangs in Freiheit. Den vorherigen Rest wollte ich dann so schnell wie möglich vergessen, und nie wieder daran erinnert werden, daß es ihn und die Kommunisten je gegeben hat. Meine 18 Monate liefen im Februar ab. Spätestens dann mußten sie mich gehen lassen. Jetzt konnte nicht mehr viel passieren, dachte ich, ich mußte jetzt nichts weiter als abwarten, damit die letzten Tage eines kommunistischen Zeitalters für mich und meine Familie zu Ende gingen. Hauptmann Wagner war aber noch nicht fertig mit mir. Weil ich mich weigerte, ihm meine Seele zu verkaufen, dachte sich der Hauptteufel Wagner eine besondere Teufelei für mich aus. Es war ein speziell für mich inszenierter Akt seiner persönlichen "Wagner Oper". Gnadenlos war er dabei, alle seine Drohungen wahr zu machen.

Eines Tages im Januar 1978 wurde ich abgeholt und wieder - als Konsumbrot getarnt - weggefahren, irgendwohin. Die Beamten sagten mir nie wohin und weshalb. Ja, im Sozialismus war man nirgends sicher, nicht einmal im Zuchthaus. Ich dachte schon ich wäre auf einem Sondertransport in den Westen, als man mich im Untersuchungsgefängnis Königs Wusterhausen wieder auslud. Ging jetzt die ganze Sache rückwärts? Jetzt waren die sozialistischen Gefängnisse so voll, dass ich auf dem Fußboden schlafen musste. Es gab offenbar immer mehr zu tun, den Sozialismus in Schwung zu halten. Eines Morgens gab man mir meine Zivilklamotten. Jetzt wollen sie mich in die DDR entlassen, oder werde ich jetzt über die Glienicker Brücke (die berühmte Brücke zwischen Ost - und West - Berlin, wo man Agenten austauschte) in den Westen gekarrt? Warum soll ich das anziehen, fragte ich verdutzt. "Na für Ihre Ehescheidung," war die lakonische Antwort. "Für waaas?" Ich fühlte plötzlich die Faust des Hauptmanns im Nacken. Er dachte sich Dinge aus, die an Gemeinheit nicht mehr zu überbieten waren. Was war geschehen? Meine Frau musste ohne mich zu informieren die Scheidung eingereicht haben. (Wie sich Jahre später herausstellte, dachte meine Frau das gleiche von mir.) Gratulation Herr Hauptmann! Er hatte das Wort "sozialistische Menschenführung" zu einem neuen Begriff gemacht und erteilte mir eine neue Lektion. Ich lernte nun am eigenen Beispiel, dass Ehescheidungen und Eheschließungen eine der stärksten Waffen des SSD waren. Man führte mich in Handschellen in das gleiche Gerichtgebäude. Ich sah meine Frau im Flur. Ich wollte mit ihr reden, aber man ließ uns nicht. Meine Frau zerfloss sofort in Tränen, als sie mich sah, und war nicht fähig, etwas aufzunehmen. Genauso wie schon vorher in diesem Hause lief ein Marionettentheater ab, völlig unabhängig davon ob oder was ich sagte, ob ich mich wehrte oder nicht. Das Urteil war längst von Hauptmann Wagner gefällt worden. Die Richterin, Genossin Kohlbach hatte es nur noch zu verkünden, unter dem Aktenzeichen F 460/77 am 23.1.1978. Mein Haftende wäre am 17.2.1978. Ich kannte außer mir niemanden in Cottbus, der bis zum Haftende auf seinen Transport zu warten hatte und auch noch wenige Tage vorher eine Zwangsscheidung durchzumachen hatte.

(Später, als ich das Protokoll in die Hand bekam, las ich im Protokoll Dinge, die mir neu waren. Dort steht, dass ich angeblich der Kläger gewesen sei und folgendes vortrug: "Durch sein Handeln (gemeint ist hier der Kläger - also ich) sei das Vertrauen der Verklagten missbraucht worden." (Der Kläger verklagt sich also selber! Bei dieser Darstellung müßte ich der Verklagte und meine Frau der Kläger sein.) In der Urteilsbegründung wird die Sache noch absurder. "Der Kläger (nicht der Verklagte!) hat durch sein Verhalten gegen die genannten Grundsätze verstoßen... Die Ehe war zu scheiden." ( Das ist sicherlich ein Leckerbissen für Juristen.) Die vielen Ungereimtheiten entstanden nur deshalb, weil diese Genossen hier nicht so gut ausgebildet waren, wie die Fälscher, Lügner und Betrüger beim SSD.)

Nach der "Verhandlung" wurden wir getrennt heraus geführt. Sie gaben uns keine Chance, unter vier Augen miteinander zu reden. Sie hatten offenbar große Angst davor.

Mit diesem Terrorurteil zerschlug Hauptmann Wagner die Familie Willimczik. Es war wieder der Terror der Arbeiterklasse gegen den Klassenfeind, oder der einfache real existierende Sozialismus, wo die Partei entschied, wer mit wem verheiratet sein sollte und wer nicht.

Jetzt hatte ich wieder einen Beweis dafür, daß es in der "DDR" überhaupt kein Rechtssystem gab. Das wird im Westen sowieso nicht anerkannt werden, versuchte ich mich zu beruhigen. Niemand wird glauben, daß ich genau am Ende meiner Haftzeit gerade auf das freiwillig verzichtet hätte, wofür ich die ganze Haft auf mich genommen hatte - meine Familie. Einziger Zweck meines Opferganges war es gewesen, meine Familie vor den Kommunisten zu retten - ihre Ausreise zu erkämpfen. Für mich alleine wäre die Grenze kein unüberwindliches Hindernis gewesen.

Wenn ich vorher die Gemeinheiten des Hauptmann Wagner gekannt hätte, hätte ich natürlich anders gehandelt. Ich muß eingestehen, daß ich die Kommunisten in ihren Verbrechen gegen die Menschlichkeit immer wieder unterschätzt hatte.

So wie alle anderen eine Lücke in der Mauer suchten, hatte der SSD nach einer Lücke in den Geheimverträgen gesucht und gefunden: Dort stand zwar, daß Familien nicht auseinandergerissen werden sollten, aber nichts über Zwangsscheidungen. Die Kommunisten argumentierten so: "Die Familie Willimczik gibt es ja nun nicht mehr, kann also weder ausreisen noch auseinander gerissen werden."

Dies ist die Logik der Kommunisten, die leider die Verhandlungsführer im Westen nicht kannten.

Das Wort "Zwangsscheidung" taucht in den Verträgen überhaupt nicht auf, das kannte offenbar keiner im Westen. Sie maßen alles mit ihren eigenen Maßstäben anstatt mit sozialistischen. Sie benutzten vielleicht einfach den gesunden Menschenverstand. Das geht aber nicht, wenn man es mit Kommunisten zu tun hat! Eine Demokratie kann zwar mit normalen Verbrechern umgehen, aber nicht mit Kommunisten.

Der vorletzte Akt der "Wagner Oper" hinter dem eisernen Vorhang war zuende. Dirigiert von dem gleichen Mann, der mir nur immer "helfen" wollte, was er ja nun auch getan hatte. Ich wollte es immernoch nicht glauben, daß er es geschafft hatte, uns endgültig zu trennen, den ganzen Zweck meiner Mühe zu zerschlagen. Im Westen gibt es sicherlich Möglichkeiten, diese Zwangsscheidung, sofern sie überhaupt gilt, wieder aufzuheben, oder wenigstens rückgängig zu machen, hoffte ich. Wenn er damit sogar im Westen durchkäme, hätte er einen neuen Feind, einen glühenden Antikommunisten, der nichts mehr zu verlieren hatte, denn meine Familie war es gewesen, um die ich gekämpft hatte, nichts anderes. Diese Urteil zermürbte mich viel mehr als das erste Urteil, in dem ich nur 18 Monate Freiheitsentzug bekommen hatte. Jetzt entzog man mir meine Familie, das einzige, wofür ich gelebt und gekämpft hatte. Dieser Hauptmann sollte dafür in der Hölle schmoren. Aber wie sollte man jemanden in der Hölle schmoren lassen, wenn er selber der Teufel war? Weil sie ihre Gier nach Seelen nie befriedigen konnten waren sie nach Kriegsende aufgestiegen und hatten sich eine ganz besondere Teufelei ausgedacht gehabt. Weil der Strom von toten Seelen abzuebben drohte wollten sie sich schon zu Lebzeiten ihrer Seelen sicher sein. Zuerst kauften sie sich die Seelen der Feiglinge und Verräter. Diese ließen sie eine Partei gründen, damit es immer mehr wurden. Viele Menschen verkauften so ihre Seelen an einen der führenden Hauptteufel, so einen wie Hauptmann Wagner. Diese trugen jetzt alle dort, wo sie früher ihre Seele gehabt hatten, ein Abzeichen (SED), auf dem der Pakt mit dem Teufel durch den Handschlag zweier Hände symbolisiert wurde.

Natürlich wollten die meisten Menschen vor einer solchen Teufelei davonrennen, aber die durchtriebenen Hauptteufel hatten die Seelenlosen schon dazu verführt, für die anderen eine Mauer zu bauen. Das ganze teuflische Unternehmen lief unter dem Codenamen "Sozialismus" ab. Der gewöhnliche Deckname für einen Teufel war "Kommunist" und für einen Hauptteufel "wahrer Kommunist" etc.

Mein Gefühl als Kleinkind war richtig gewesen. Ich mochte diese Welt nicht. Ich wollte eine andere. Der Kampf um eine bessere Welt ging also weiter.

Nach dieser letzten Teufelei in der Wagner Oper, der Zwangsscheidung, wurde ich zurück nach Hause, in mein altes Zuchthaus gebracht. Dieses Mal aber nicht als Konsumbrot getarnt in einem Brotauto, sondern in einem Wurstauto - Abwechslung muß sein. In diesen viel zu kleinen Zellen in diesen Spezialwagen konnte man sich überhaupt nicht bewegen. Das sollte auch so sein - aber denken konnte man. Ich staunte wieder, dass die Kommunisten es immer wieder schafften meinen Hass für sie zu steigern. Ich nahm mir vor mehr gegen sie zu unternehmen. Ich hatte jetzt so viel über den Sozialismus gelernt, dass ich Vorlesungen halten könnte. Im Zuchthaus Cottbus gab es außerdem genügend Zuhörer, die gerade nichts besseres zu tun hatten. Ich überlegte wie ich das anfangen könnte, wie ich die Kommunisten am schwersten treffen könnte und hatte viele Ideen, die ich sofort in die Tat umsetzen werde. Die werden sich wundern wie aus einer kleinen grauen Maus plötzlich ein wütender Löwe geworden ist. Was sollten sie mir jetzt noch antun oder wegnehmen können? Sie hatten mir nun alles genommen, was mir wert gewesen war. Jetzt sollten sie meine Rache zu spüren bekommen. Einen von vielen politischen Gefangenen hatten sie abgeholt - eine gefährliche Sache brachten sie nun zurück; in ein Zuchthaus mit Hunderten von unzufriedenen Gefangenen. Das könnte eine Kettenreaktion geben! Solange Männer ihre Frauen, Kinder und Häuser noch hinter sich wissen führen sie nur einen begrenzten Krieg. Sobald man ihnen aber das alles genommen hat, werden sie zu Kamikaze Kämpfern, stürzen sich auf den Gegner auch dann, wenn sie selber dabei drauf gehen. Das Zuchthaus Cottbus wird jetzt zum Kampfplatz: Terror den Terroristen. Als die Wärter mich aus dem Wurstauto ausluden mussten sie sehr vorsichtig sein, damit ich nicht sofort wie eine Bombe hoch ging.

Irgend jemand musste meine Gedanken wieder gelesen haben, denn ich bekam keine Gelegenheit mehr, meinen Plan in die Tat umzusetzen. Man ließ mich gar nicht mehr mit anderen zusammen kommen, denen ich was erzählen könnte. Ich wurde zum "Arzt" gerufen. Dort warteten zwei unauffällig erscheinende, schwer bewaffnete SSD-Männer in dicken Ledermänteln auf mich. War das ein Begleit- oder ein Erschießungskommando? Ich war mir nicht sicher. Es wurde wie immer, so gut wie nichts gesprochen. Ich mußte meine Zivilsachen anziehen und mich hinten in den Schikuli zwängen. Meine Hände waren selbstverständlich in Handschellen, das war Pflicht, sie banden mich aber noch mit Lederriemen fest und setzten mir eine Brille mit schwarzen Gläsern auf. Das war zumindest neu. Warum war es kein Brot- oder Wurstauto mehr? Also wenn sie mich über die Glienicker Brücke in den Westen fahren würden, brauchten sie mich nicht so fest zu binden. Ich konnte trotz der "Brille für Blinde" soviel erkennen, daß sie mich nicht zur nächsten Schutthalde fuhren, sondern nach Berlin. Wir waren auf der Autobahn, die ich schon so oft gefahren war. Hier gab es wieder drei oder mehr Möglichkeiten. Welche wird es sein. Sie sagten die ganze Fahrt kein Wort, sahen mich auch nicht an. Ich sollte mich wohl an ihre Gesichter nicht erinnern können. Ihre Angst war unberechtigt. Ich hatte kein Interesse an ihnen. Wenn jemand auf dem Weg aus der Hölle in den Himmel ist, was interessieren ihn da noch die letzten Gesichter der Teufel, die ihn ans große Tor brachten. In Berlin verschwand der unauffällige Wagen mit drei SS-Männern -pardon - SSD-Männern und mir in einer Nebenstraße hinter einem Tor, das sich, wie durch Geisterhand bewegte, sich nach oben einrollte, damit der Wagen nicht zum Stehen kam, sondern geradewegs in der Einfahrt verschwand. Niemand hatte sich nach dem Wagen umgedreht, das war hier offenbar eine alltägliche Sache - so wie die Müllabfuhr. Es war eine SSD-Dienststelle, in der der gesellschaftliche Müll gesammelt- und an den Westen verkauft wurde. Ein lohnendes Exportgeschäft - der weltgrößte Menschenhandel. Die Genossen benutzten gerne das Wort "weltgrößte". Die "DDR" war tatsächlich in dieser Hinsicht der weltgrößte "Müllproduzent", denn es gab immer mehr Ausschuss bei dem Prozeß der sozialistischen Menschenbildung. Ich war ein Teil dieses Mülls und wurde nun für das Geschäft fertig gemacht. Richtiger Müll wurde auch über die Grenze gebracht, aber von West-Berlin nach Ost-Berlin. Für Westgeld tat die kleine "DDR" alles.

Die Zellen waren hier sehr modern und hatten alle denkbaren Überwachungsanlagen. Man merkte, dass man hier beim MfS (Ministerium für Staatssicherheit) war. Irgendwelche hohe Genossen fragten mich irgendwas. Ich war mit meinen Gedanken schon längst im Westen. Ich fand nicht mehr heraus, was sie überhaupt noch von mir wollten. Sie schienen auch nicht von der Sorte des Hauptmann Wagner zu sein. Ich war nicht mehr zum Reden aufgelegt, ich war fertig mit den Kommunisten. Was nützte mir das noch, ob es vielleicht unter den Kommunisten auch noch Menschen gab, welche, die noch nicht zu Ungeheuern geworden waren, die vielleicht noch einen Funken Menschlichkeit in sich hatten, mit denen man hätte reden können. Sie hatten längst die Kontrolle verloren. (Ich hatte ja gesehen, dass ein Minister genau so wenig gegen einen Hauptmann des SSD machen konnte wie ich.) Die Macht hatten längst die schlimmsten Ungeheuer unter ihnen übernommen, solche wie Hauptmann Wagner.

Meine letzte Lektion der Lehren von Karl Marx bekam ich in Karl Marx Stadt (Chemnitz). Die Kommunisten waren perfekte Organisatoren, sogar der Name paßte. In einem Sammeltransport ging es von Berlin in den Süden unserer Republik, dort hin wo die Busse in den Westen warteten. Eine Fahrkarte konnte man nicht kaufen. Die Fahrt war umsonst. Aber wie alles, was man von den Kommunisten umsonst bekam, hatte sie einen hohen Preis. Der Westen zahlte in hartem Geld. Man selber zahlte in Jahren Zuchthaus, dem Verlust von Hab und Gut - und ich außerdem mit dem Verlust meiner Familie. Wenn man zu diesen Opfern bereit war, und die Jahre im Zuchthaus überlebte, bekam man die begehrteste Sache in der ehemaligen "DDR", eine Busfahrt von Deutschland-Ost nach Deutschland-West. In diesem Übergangsgefängnis in Karl Marx Stadt bestand eine nervöse Gereiztheit auf beiden Seiten. Man konnte die Freiheit schon riechen, aber die Kommunisten waren noch nicht fertig mit einem. Sie betätigten sich jetzt als gewöhnliche Diebe. Jeder hatte irgendwelche Papiere zu unterschreiben, nach denen er auf alles verzichtete, was die Kommunisten noch von ihm haben wollten. Die meisten machten sich darüber keine Sorgen, denn all das würde im Westen sowieso nicht anerkannt werden. Es war ja das Gleiche, als wenn Terroristen die Geiseln irgendwelche Dinge unterschreiben ließen, bevor sie sie aus "humanitären" Gründen entließen. Der einzige Unterschied zwischen gewöhnlichen Geiselnehmern und den Kommunisten war der, dass die deutschen Nazi-Kommunisten, die im Dienste Moskaus standen, kein Schiff oder Flugzeug in ihre Gewalt bekommen hatten, sondern gleich 17 Millionen Deutsche, die die Russen ihnen am Kriegsende als Kriegsgefangene überlassen hatten. Die Krönung dessen war, dass unsere Peiniger eine Theorie (Marxismus-Leninismus) hatten, nach der wir ihnen in unserer Versklavung auch noch zuzujubeln hatten. Deshalb war die Mauer kein Zufall. "Sobald eine Möglichkeit zur Notwendigkeit wird, ist die Wirklichkeit nicht mehr zufällig." (Das ist Dialektik.) Für Geiselnehmer ist es immer notwendig, etwas zu tun, damit ihre Opfer nicht weglaufen - daher also die Mauer. Terroristen kann man dazu bewegen, dass sie hin und wieder für eine entsprechende Gegenleistung einige Geiseln frei lassen, was jetzt gerade mit mir geschah. Auch dieser Akt war wohl durchdacht. Ich mußte mich ans Ende einer langen Schlange anstellen (das hatte ich ja gelernt). Wir standen auf einem Flur, die Tür nach draußen war weit auf. Der Bus in den Westen stand auf einem Hinterhof und war halb zu sehen. Einige durften schon einsteigen. Andere mußten noch schnell in ein Zimmer etwas unterschreiben. Falls man das nicht tat, wurde man zurück in die Zelle geschafft. Ich habe niemanden gesehen, der nicht schnell und ungelesen alles unterschrieb, was er zu unterschreiben hatte. Ich tat dasselbe, weil ich überzeugt war, dass eine Unterschrift in dieser Situation für eine demokratische Gesellschaft sowieso ungültig war. Ich hatte mein ehrgeiziges Ziel erreicht, meine Beharrlichkeit im Studium des Marxismus-Leninismus wurde nun mit der höchsten Auszeichnung belohnt, die die "DDR" zu vergeben hatte, die Urkunde der Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der "DDR", obwohl es einen Staat nie gegeben hat. Als ich meine Entlassungsurkunde ausgehändigt bekam, merkte ich, dass mein Gegenüber wie Espenlaub zitterte. Warum nur? Es war das erste Mal im Leben eines Kommunisten, dass er etwas Gutes tun konnte, warum zitterte er also? (Für einen Terroristen verhielt er sich allerdings richtig.) Diese Urkunde war damals das begehrteste Stück Papier gewesen, das die Kommunisten ausstellen konnten. Für mich war es gleichzeitig die Abschlussurkunde für das Studium des Sozialismus. Ich darf das sagen, denn ich hatte ihn nun überall und in all seinen Erscheinungsformen am eigenen Leibe studiert.

Das sollte für mich eigentlich das Ende einer viel zu langen Epoche kommunistischen Terrors sein. Wie hatten sie sich einst der Welt vorgestellt? "Ein Gespenst geht in Europa um, das Gespenst des Kommunismus". Gespenstisch war ihr Wirken gewesen (aus versprochenen unbegrenzten Möglichkeiten hatten sie unbegrenzte Teufeleien gemacht) und wie Gespenster werden sie auch hoffentlich wieder verschwinden.

Als ich im Bus saß, fühlte und roch ich schon etwas aus einer anderen Welt. Es war kein "DDR"-Material. Unter den SSD-Offizieren, die sich um den Bus bemühten war auch einer mit dem Namen Dr. Vogel, dem zusätzlich der spezielle Dienstgrad "Anwalt" verliehen worden war.

Sein Charakter war - wie das Nummernschild dieses Busses - umschaltbar, damit alles im Osten wie im Westen harmonisch in die Landschaft passte.

In einen Bus einzusteigen und von Ost nach West zu fahren war für jeden "DDR"-Bürger unvorstellbar geworden. Jetzt geschah es! Wo waren die Fanfaren?

Als der Bus aus dem Gefängnis langsam in die enge Straße einbog, sah ich das erste mal ein Gefängnis von außen, in dem ich gesessen hatte. Von den dicken Mauern war ich beeindruckt, auch davon, daß sogar noch auf dem Dach Stacheldraht war. Das mußte sicherlich sein, denn sonst würden zu viele versuchen, in dieses Gefängnis einzubrechen und heimlich in diesen Bus einzusteigen. Deshalb waren die Türen dieses Busses auch alle verriegelt. Niemand wurde mehr mitgenommen. Wir fuhren zur Autobahn in Richtung Eisenach. Wenn jemand den Bus sah, dachte er sicherlich, das sei eine westdeutsche Reisegruppe. (Es ist nur ein bösartiges Gerücht, daß an dem Bus auf rotem Grund geschrieben stand, "Alle Räder rollen für den Sieg des Sozialismus".) Wenn die Leute auf der Straße gewußt hätten, daß das für den ganzen Monat der einzige fahrplanmäßige Bus in den Westen war, hätten sie unseren Bus sicherlich gestürmt. Davor schützten uns aber die treuen Genossen der Stasi, die uns in ihren Schikulis begleiteten und uns nicht aus den Augen ließen.

Die Grenze kam in Sicht. Ich hielt den Atem an. Die Stasi-Schikulis scherten aus und hielten an, unser Bus aber fuhr mit unvermindeter Geschwindigkeit weiter, so als wenn es eine innerdeutsche Grenze überhaupt nicht gäbe. (Nur ein neues Nummernschild wurde automatisch rausgeklappt.) Wir waren in Freiheit - in der Bundesrepublik Deutschland!

Für mich war die Busfahrt durch die Grenze wie eine Fahrt aus der Hölle in den Himmel. Dies können sicherlich diejenigen auch nachempfinden, die vorher ihre Zeit in sozialistischen Gefängnissen und Zuchthäusern verbracht hatten. Andere können sicherlich keine Busfahrt so genießen, wie ich diese einmalige Fahrt von Deutschland-Ost nach Deutschland-West genossen habe. Wir fuhren übrigens die gleiche Strecke, die die Amerikaner 1945 genommen hatten, als sie sich vor den Russen zurückgezogen hatten. Jetzt fuhr ich den Amerikanern also hinterher, die mich 1945 zurückgelassen hatten, und die ich nun nach einer 33-jährigen Odyssee durch kommunistische Lager jeglicher Schattierung wieder einholen wollte. Ich dachte, dass damit der letzte Akt der "Wagner Oper" vorüber sei und ich mein Leben beginnen konnte. Ich irrte mich schon wieder. Für Hauptmann Wagner war alles Gewesene nur die Overtüre zu seiner Oper, die jetzt erst richtig beginnen sollte...

>> Wolfhart




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